183 ist ganz charakteristisch für den Fürsten, der wieder einmal auf die „ungebrannte Asche" hinweist: „Quod ad naturalem nostrum Guilielmum attinet, satis nobis constat, ingenia talium indigere praeceptore; si igitur nolit praecep ­ torem lenem, dandus est illi praeceptor ex non adusto cinere. Qubd nuptiis sororis interesse cupit, id necessitas non postulat; ille enim ad studia, non ad choreas desti ­ natus est, hoc illi dicas. Bene vale.“ (Schluß folgt ) Die blinden Hessen. Von Professor Dr. K. Stuhl-Würzburg. Wenn in dem unterfränkischen, dem Lande der Hessen benachbarten Teile des alten Grabfeldgaues ein Kind des Volkes etwas nicht sieht, was ihm vor den Augen liegt, dann hört es wohl aus dem Munde seiner Mutter die Worte: „Siehst du es nicht? Da liegt es ja, du blinder Hesse!" Seit geraumer Zeit beschäftigt mich, der ich als Knabe oftmals selbst ein solch „blinder Hesse" gewesen bin. die Frage ttad) dem Ursprünge dieser merkwürdigen Redensart. Da las ich, was Vilmar in seinem Idiotikon von Kurhessen unter bent Beiwort blind bemerkt hat über diese „dem Hessen ­ stamme zugewiesene Bezeichnung, die dieser mit weit größerer Bestimmtheit trägt als der Volks» stamm der Schwaben", und nun will es mich be- dünken, als sei ich der Lösung des Rätsels auf die Spur gekommen. Mögen die Gelehrten des Hessen ­ landes die Erklärung, die ich im folgenden gebe, prüfen und entweder billigen oder durch stichhaltige Gründe widerlegen und durch eine andere, bessere ersetzen! Nach Vilmar also hießen die Hessen bis zur Mitte des 17 Jahrhundert niemals schlechtweg „blinde Hessen", wie jetzt, sondern „blinde Hunde" oder „blinde Hundehessen". So sagt Hans Sachs: „Die Hesten engst (neckt) man mit den Hunden"; ein Beleg für das zweite findet sich bei Lüntzel. Hildes- heimische Stiftsfehde S. 36 u. a. St. (Vilmar). Es kommt mithin die Blindheit eigentlich den Hunden zu, mit denen man noch zur Zeit des Hans Sachs die Heffen „ängstigte" oder foppte, eine Bezejchnung, die dann wegen ihrer scheinbaren Ehrenrührigkeit unterdrückt wurde und schließlich ganz in Vergessenheit geriet. Wie aber kommen die wegen ihrer Tapferkeit und Kriegstüchtigkeit schon von Tacitus vor allen anderen deutschen Volksstämnten gerühmten Hessen oder Chatten zu dieser seltsamen Benennung?*) *) In ZoozmannS „Zitatenfchatz der Weltliteratur", neueste Auflage, ist hierüber zu lesen: Einige leiten den Ausdruck „blinde Heffen" her von der Tapferkeit der Heffen im Kampfe, wo fie blindlings dreinschlugen, andere von der blinden Vertrauensseligkeit, mit der fich die Hessen von ihrem „LandeSvater" an die Engländer verkaufen ließen, um gegen die Nordamerikaner zu kämpfen. Nach Heyne, Wörterbuch, spottend im eigentlichen Sinne. Ist es wirklich so, wie I. Grimm in seiner deutschen Mythologie, S. 345, andeutet und in seiner Ge ­ schichte der deutschen Sprache, S. 566, weiter aus ­ führt, daß die Bezeichnung der Hessen als Hunde, blinde Hunde auf eine uralte mythologische Stamm ­ sage zurückzuführen ist. nach der der Stammes ­ ahnherr der Hessen und Schwaben entweder, der Sage von den Merowingern und dem Schwanen- ritter entsprechend, von einem Hunde stamme oder, wie die spätere, gemilderte Sage von den Welfen, d. i. jungen Hunden, überliefert, als Neugeborener für einen blinden Hund ausgegeben worden sei? Daß mit dieser Annahme der Ursprung der Bezeichnung keineswegs erklärt ist, liegt aus der Hand. Sie geht vielmehr zurück auf die sogenannte Volksetymologie, d. i. Falschdeutung des Volkes, die durch das lautliche Zusammenfallen einer uralten Benennung der Hessen und Schwaben mit dem Namen des Hundes veranlaßt wurde. Diese Be ­ nennung aber leitet sich her von der Hundertzahl, die im Althochdeutschen und anderen germanischen Mundarten außer der gewöhnlichen zusammen ­ gesetzten Wortform auch einfach Hunt oder Hund hieß. Dieses Wort aber ist dasselbe wie das lateinische centum, griechische Katon (in He-katon — Ein ­ hundert) usw. und war von Haus aus kein Zahl ­ wort mit einem bestimmten Zahlwerte, sondern ein dem deutschen Kind und lateinischen Wort ­ stamme gent, das in der Mehrheit genti (centi) auch in den Zusammensetzungen quin-genti usw. erscheint, sinngleicher Ausdruck mit der ursprüng ­ lichen Bedeutung Nachkommenschaft, Volk, Stamm. In der älteren Lautform kund liegt es in den nordgermanischen Sprachen in Zusammensetzungen wie gotisch himinakund(s) (vom Himmel stammend), qinakunds (weiblichen Geschlechtes) vor, in der noch älteren Lautstuse gund verbirgt es sich in dem Namen der Burgunder. Bur-gundi oder Bur- genda (vgl. Burgendaland, jetzt Bornholm), auch Burgundiones (Plinius) sind die Buren» oder Bauernvölker, die Nachbarschaften. So heißen heutzutage noch bei den alemannischen Bewohnern des Schwarzwaldes die Bauernschaften Burevölkli, d. i. die Bauernvölkchen.