imb 154 ««&'> Er summte die Weise vor sich hin, bis er auf einer Lichtung eine Maiblumenkolonie entdeckte. Daran konnte er nicht vorüber. Rasch füllt sich seine Hand mit einem duftigen Strauße, den er mit einem Seile im Knopfloch festband. Hinten im Kanisberg in feuchter Talmulde wuchsen Birken. Die Wahl war schwer. Endlich aber um ­ faßte er freudig einen Stamm. Wenige Hiebe — und die rauschende, bauschende Beute war sein. Aber was war das? Erschrocken fuhr er auf, und die Barte entfiel seiner Hand. Gr hatte einen Schrei vernommen wie aus Menschenmunde. Er starrte ins Dickicht. Vogelgeflatter schien sich drin Sit verlieren. Dann Stille. — Bange ergriff er Baum und Barte und begab sich auf den Heimweg. Immer wieder hemmte er den Fuß und glaubte, den merkwürdigen Hall noch einmal zu vernehmen. Aber jedesmal täuschte er sich, und am Ende rann ihm der Schweiß in Tropfen von der Stirn. Erleichtert atmete er im Freien auf und stellte den Baum vor sich. Er ließ ihn kreisen, und seine Augen weideten sich an dem regelmäßigen Wüchse der vollen Krone. Wie ein Kind freute er sich seiner Habe, und nickte jedem Zweige zu. Da fuhr er zusammen. Vom Dorfe her, aus dem Gehege des Friedhofes rief der Totenvogel.- Deutlich hörte er den unheilkündenden Ton ftch^ wiederholen, und das Herz blieb ihm stehen. * Gleich aber packte er wie im Zorn den Baum in seine Faust und stieß ihn protestierend auf. Und jedes Blatt der bebenden Krone gab ihm fröhliche Zustimmung. Jetzt nahm er ihn wieder auf die Schulter. Bergab ging^s, als flöge er dahin, zu ihr. Und das frische, junge Leben trug er zu ihr, das sollte sie grüßen, das mußte ihr wieder aufhelsen. — j- Wieder hemmte der schlimme Prophet des Burschest hoffnungsfrohe Schritte, daß er ganz nachdenklich dahinfchlenderte und vergaß, was er trug. Aber morgen wollte er sie besuchen. Auf dm Festtag mußte man ihn doch einmal zu ihr lassen. Während die Kameraden alle unter der Linde lustig waren, wollte er an ihrem Bett sitzen, ihr in die Augen schauen, ihre weiße Hand halten. Und sie würden auch so selig zusammen sein, den schwarzen Berg der Krankheit übersteigen und hinabsehen in» stille Tal des Glückes — von der Hochzeit reden von der Hochzeit — 1 Auf dem Mühlsteg fiel es ihm ein, die grüne Last in das Waffer hinabzutauchen. Drauf stellte er ihn in die duftende Wiese und schüttelte ihn tüchtig, daß ein Regen erquickend seine Wangen netzte. Der Wächter rief die Elf, als er in das Korn- seld trat, das an die Gärten stieß. Et blieb stehen und atmete tief. Heller Mondenschein ergoß sich mild über das Heintattal, und lausend Stimmen riefen es aller Enden; sie wird gesunden, dieser Baum wird sie gesund machen. — Er zögerte eine Zeit, bis der Wächter ihm aus dem Weg war. dann schwang er sich mit jauchzendem Herzen über Hecken und Beete, bis er GretenS Fenster sah. Mauerlang hinter Buchsbaum erglühte gleich heiligen Festopferflammen ein Regiment Tulpen. Dazwischen stellte er den weißen Stamm fest, und sicher, daß die Krone oben ans Fenster fingerte. Ob sie es vernahm? Eine Weile blieb er lauschend stehn und hielt den Atem an. Wie war ihm sein Kopf so heiß! Aber dann rasch ein Sprung über die Hecke in den Pfad, damit ihn niemand bemerke. Doch konnte er den Blick dicht wenden. War das nicht ihr Gesicht hinter dem Vorhang? Er starrte hin — es kam nicht wieder. Eine Täuschung, weiter nichts. Nun ging er dorswärts. Zehn Schritte nur. Auf einmal flammte ein Licht in ihrer Stube. Gewiß hatte sie der Baum geweckt, ^«nd sie sah nach. — Mit stiller Freude ging er endlich, wie man geht, wenn einem ein sang gehegter Plan gelungen ist. Noch einmal sah er sich um, als die Biegung kam. , küßte der milde Mond die köstlichen Zweige und kündete ihr durchs Fenster, was er gesehen. Immer noch der häßliche Ton des Totenvogels!. Irgendwoher hallten Tritte. Da verliA er die Straße und eilte auf den Haselhof zu. — Erst mit dem hereinbrechenden Morgen-war er eingeschlafen. In den blühenden, prangendep Dfingst- morgen erscholl das wehe Wort vom Sterben einer Jungfrau. Die Mutter Martins war schon etlichemal an seiner Tür gewesen und immer wieder umgekehrt, froh, daß sie das Unheil noch für sich behalten durste. Aber als es zum erstenmale zur Kirche läutete, konnte sie vor Schmerz und Angst nicht mehr bleiben, es mußte herunter vom Herzen. Er saß gleich im Bett, als sie hereintrat, und starrte sie verwundert an. „Mußt Dich nicht grämen, Martin, 5as war ja vorauszusehn — die Grete war zu krank — ich hab das gleich gewußt, Junge, unser einer, guckt tiefer." ' Sie sagte das mit erzwungener Ruhe und schaute an ihm vorbei. Er wußte kein Wort zu erwidern. In einem fort starrte er feine Mutter an, als hätte er nichts verstanden. Da konnte sie sich nicht mehr halten, umschlang seine Schultern, und ihre Tränen flössen ineinander. —