-und ihre Hand erreichen konnte. Der schönste Tag ist für das Paar natürlich immer der Sonntag ge ­ wesen mit seinen langen Stunden. An solchen Tagen war ich natürlich nie dabei, denn wer kann das aushalten, so ohne Bier, Zigarren und Witze an die sechs Stunden zu sitzen!" „Also bist Du doch noch nicht ganz so heilig wie sie? — Aber wie kann sich nur ein junges Mädchen an einen kranken Mann hängen, von dem es nicht das Geringste zu erwarten hat? Das be ­ greife ich nicht recht. Hans ist ja ein Goldkerl, er verdient es ja, für ihn freut es mich; aber unbegreiflich bleibt es mir." „Und welche Innigkeit verbindet beide! Du machst Dir kaum einen Begriff davon. Mir scheint es, als ob sie Seelen hätten, wie die Menschen auf den Bildern von Schwind, Herzen wie zarte, seine Groß ­ mütterchenherzen Beide sind ja nun freilich aus kleinen Landstädten. Sie sprachen auch viel von sonnig verträumten Stübchen mit alten Bildern und blumigen Kattunmöbeln, von nützlichen Gärten, ver ­ steckten Waldwegen und geruhigem Leben, und sie sprachen davon, als ob sie alle beide schon zusammen die einfachen, tiefen Freuden des Landes genossen, schon Hand in Hand Blumen gepflückt, Schulter an Schulter vom Mühlenberg der Sonne Abschied zu ­ gewinkt hätten. Wenn Du ihnen zugehört hättest, Du hättest gemeint, Flora habe schon durch Jahre hin in einer kleinen Küche für unsern Hans Grell gekocht, an dem lachenden Fenster hinter dem Linden ­ baume für ihn geschafft, genäht und gesorgt mit ihm aus der grünen Bank vor dem Haus von der Schwere der Zeit geplaudert Alles das kam in einer Art über ihre Lippe, als sei nur ein widriges Geschick schuld daran, daß sie nun die meiste Zeit ge ­ trennt leben müßten, als verlange nur die Härte ihres Tagwerks, sich nun allein durch das Leben zu schlagen. Zuweilen auch wurde die Wehmut dieser Erinnerungen durch ihr herzhaftes Lachen unterbrochen, das aber sofort wieder erstarb, wenn sie daran dachte, daß der Arzt ihm ja das Lachen verboten hatte. Die Tapferkeit, die er seinem Leiden gegenüber zeigte, erfüllte sie mit schwärmerischer Bewunderung. Sie wollte auch so unüberwindlich im Kampf mit dem Geschick sein und lernte so, sich im Zaume zu halten, sich in eine wunschlose Liebe zu finden. Hans ist allein nur durch sein Leiden geläutert. - Na sonst? - Er kann die Liebe einfach nicht mehr als Lebensrausch leben, und ich finde es begreiflich, daß er nun zu einer geschlossenen Lebensansicht und be ­ stimmten Selbstgewißheit gekommen ist. Aber sie, sie, sie! So durchaus und ganz verständlich ist mir das nicht immer. Er ist allein schon glücklich, in der Seele eines Weibes gleich gestimmte Saiten erklingen zu hören, er sieht in der Liebe die Ge ­ wißheit, mehr zu sein als ein bloßer Esser, er fühlt sich darin als Mitbesitzer des ganzen Lebens, als Sieger, der durch den Preis erhoben und gebessert wurde. Und die Erfahrungen, die er aus der Selbst ­ beherrschung und der Genügsamkeit seines eigenen Ich gezogen hat, sind ihm nicht nur selbst eine Quelle reichen Genusses geweseu, sondern waren ihm auch stets ein Ansporn, ihre Persönlichkeit frei zu gestalten, frei und rein. Und sie ist das rechte Holz, sie muß es wohl sein. Alan sollte es so obenhin betrachtet gar nicht glauben' — — Jedesmal, wenn sie kam brachte sie Blumen mit, die er so liebt, und verteilte sie in den Gläsern und Vasen, die sie überall da hingestellt hatte, wo ihm die Blumen in wohltuender Harmonie mit der Umgebung erscheinen mußten. Er hat dafür einen guten Blick, und es freute sie, wenn er sie lobte, wie schön sie wieder alles gemacht habe. — — ,Du bist selbst so eine Blume, und Deine Seele atmet denselben Duft. Wenn ich in mein Zimmer trete und die Blüten rufen mein Auge, dann ist es mir, als riesest Du mich, Flora? — — Aber eines Abends sagten sie ihr, daß er so krank geworden sei, daß sie ihn in regelmäßige Pflege hätten bringen müssen. Nun zeigte sie sich erst in ihrer wunderbaren Seelengröße. Zunächst war sie zu mir gekommen, und wir hatten alles bis ins kleinste beraten und geordnet, alles, was seine Vertretung, die Miete, die Krankenkasse, nun, Du weißt gewiß, was ich alles meine, anging. In den ersten Tagen wurde niemand zu Hans ge ­ lassen, erst als die Ärzte alle Hoffnung verloren hatten dursten wir ihn besuchen. Es war ein trauriges Wiedersehen. Bleich und abgemagert lag er in den Kissen. Seine Augen flackerten müde wie ein ersterbendes Flämmchen, die Worte, die er sprach, konnten wir kaum verstehen. Als wir ihn verlassen hatten, standen wir lange an einem Gang- senster des stillen Hauses mit bebenden Lippen und Tränen in den Augen. Von dem Tage an war Flora alle Abend bei ihm. Da aber nach sechs Uhr kein Krankenbesuch mehr erlaubt ist, hatte sie aus ihre Mittagspause verzichtet um wenigstens nach Ablauf ihrer Arbeitszeit noch ein halbes Stündchen an seinem Lager weilen zu können. Hans wußte selbst, daß sein Zustand hoffnungslos war. Der leitende Arzt hatte ihn ausgegeben und meinte nur, es müsse etwas ganz Außerordentliches geschehen, wenn seine glimmenden Lebensfunken noch einmal angeblasen werden sollten. Das Außerordentliche jedoch konnte er uns nicht sagen. Hans habe eine ungeheuere Lebenskraft, ein anderer hätte bis jetzt nicht ausgehalten, was er erlitten habe. Vielleicht, vielleicht. " „Und das Außerordentliche geschah aber? Was war es?" ries ich ungestüm.