9'tK'. 364 vm, In dieser Nacht fegte der Herbststurm über die Dächer, und es regnete, als ob alle Schleusen des Himmels geöffnet wären. Wieder saß Elvira im Sessel am Fenster. Sie lauschte auf das Stöhnen und Schluchzen der Herbst ­ nacht, und es fiel ihr schwerer als sonst, den reinen Ton herauszuhören, der vom wiederkehrenden Früh ­ ling singt. Aus aller und neuer Zeit. Kostbares Porzellan. In Rudolph Lepkes Kunstauktionshaus in Berlin wurde kürzlich die berühmte Porzellansammlung Karl Jourdan aus Frankfurt a. M. versteigert und hatte einen ge ­ waltigen Zulauf sowie enorme Preise zur Folge, viele Museumsdirektoren, namentlich aus Süddeutsch, land, und die ersten Kunsthändler hatten sich eiu- gesunden. Dominierend trat Kaffel durch den Hos- antiquar Max Cramer in den Vordergrund, der sich am Ankauf sehr lebhaft beteiligte und hohe Preise bezahlte. So erwarb Herr Cramer unter vielem anderen eine reizende kleine Kindergruppe, Türke und Türkin in zärtlicher Umarmung, 18 cm hoch, für 6160 Mark, ein kleines Mädchen mit einem Blumenkorb und eine Schäsergruppe, beide 19 cm hoch, für 6265 Mark, Höchster Erzeugnisse aus der dritten Periode des Johann Peter Melchior (1766—1778). Ein Fuldaer Kaffee- und Teeservice, mit Landschaften sein bemalt, brachte 3500 Mark, drei Vasen mit Blumenstilleben 1330 Mark, ein Schreibzeug mit Streublumen und Kaffeeservice mit Vergißmeinnichtkränzchen 1100 Mark. — Diese ganze, durch die Qualität ihrer Porzellane hervor- ragende Sammlung umfaßte 550 Porzellane und etwas mehr als 200 Stück an Fayencen und Stein- zeug. Bekanntlich birgt auch Schloß Wilhelms- t a l eine reiche Fülle schöner Keramik, die im stil ­ vollen Rokokorahmen der gesamten Einrichtung dieses einsamen Fürstensitzes so recht in ihrer Eigenart und Grazie zur Geltung kommt. Von Landgraf Wilhelm VIII. angelegt, wuchs die Wilhelmstaler Porzellansammlung unter seinen Nachfolgern außer ­ ordentlich an, indem zu den ersten Erwerbungen von ostasiatischen Erzeugnissen, die der kluge Fürst während seines Aufenthalts in Holland gemacht hatte, vorzugsweise Erzeugniffe der Alt-Meißener, der Fuldaer und der Alt-Berliner Manufaktur hinzu- traten. Aus Kändlers Zeit, unter deffen Leitung sich die Meißener Porzellanmanusaktur um 1736 zu ihrer höchsten Blüte entfaltete, sind eine große Anzahl entzückender Gruppen und Figuren zu erwähnen. Wer die Erzeugnisse der ehemaligen Fuldaer bischöf ­ lichen Manufaktur studieren will, der hat in Wilhelms ­ tal, das neben der Sammlung des Kaffeler Museums und derjenigen des Erbmarschalls Freiherrn Ried- esel zu Eisenbach die besten und meisten Stücke enthalten dürste, die beste Gelegenheit. Er findet dort die berühmte Gruppe der 16 kleinen Musikanten, die durch Modellierung, Mannigfaltigkeit der Stel ­ lungen und zarten Farbenschmelz gleich ausgezeichnet ist und wohl zu den bedeutendsten Rokokoschöpsungen zählt. Sonntagabend in einem Rhöndorfe. Ans der Rhön sendet ein Leser der „Franks. Ztg." folgendes Stimmungsbild : Flocke aus Flocke rieselt hernieder. Weiß ist die Dorsstraße. Wir treten aus der Dorsgaststube heraus und wollen heimwärts ziehen. Da ruft es volltönend vom Kirchturm: Bim bam, bim bam! Männer, Bauern mit glattem, ernstem Gesicht, das Gesangbuch in der Hand, Frauen in schwarzem Mantel und Kopftuch folgen dem ehernen Ruf der Glocke. Eine friedevolle, weltentrückte Stimmung liegt über dem stillen Dorfe im Schnee unter dem Glockenklange. Und diese Stimmung ergreift uns. Ehe wir es gedacht, sind wir drei, keine Kirchgangschristen, in dem weit in das Land hineinschauenden Befestigungskirchlein. Durch das finstere burgähnliche Tor, inmitten hoher trotziger Mauern dringt Lichterglanz! Aber nicht wie in der Stadt. Weicher, milder, leichtflackernder Lichterglanz, aus jeder Kirchbank mehrere dreiarmige Leuchter, von der Decke ein rundes Rad mit vielen, vielen Lichtern und grüne Mooskränze an der Wand. Wirkungs ­ volle Stimmung. Im Abendglanz der Lichter ahnt man den Morgenglanz der Ewigkeit.... Keine schaut hier, was Frau Schulze für einen Hut auf hat. Alte, weißhaarige Männer stehen während der Predigt. „Draußen fällt Schnee auf Schnee," tönt des Pfarrers Stimme, „und ein Wanderer geht über euere weite Hut; er dreht sich um und sieht seine Spur scharf im Schnee. Und nach einer Stunde nichts mehr davon. So sieht man deine Spur im Leben, so ist deine Spur im Leben nach einer kleinen Weile verweht. . ." Und dann gehen schwerfällig, ^vie in der Furche des Ackers hinterm erdschneidenden Pfluge, die Männer des werktätigen Lebens, die Frauen zum Mahle des Herrn.... Draußen wird das weiße Tuch dichter und dichter. Wir schreiten auf der stillen Landstraße dahin und fühlen dankbar die geweihte Stunde noch einmal an uns vorüberziehn....