EL- 297 EL- mir durch die Erbschaft zufiel? Man will fich doch schließlich nützlich machen, um nicht umsonst und spurlos über die Erde zu gehn." „Frau Baronin " „Nein, nein, sagen Sie mir nichts, Doktor, die Sache sieht für mich brillanter aus, als sie es ist. Ich Sie wissen, daß ich nach allem, was ich erlebte — Arbeit, etwas Befriedigendes für meine Gedanken brauche, und da kam ich aus den glück ­ lichen Einsall, ein Heim für Ruhebedürstige zu gründen und meiner guten Tante die Leitung zu überlaffen. Ich selbst, ich gehe nur so zwischen- durch, schaue hier und dort hin, spreche auch wohl, je nach Bedürfnis, ein paar Worte mit den Leuten, sehe zu, ob ein jeder gut versorgt ist — das ist alles." „Ein Asyl für Ruhebedürstige, das ist ja ein gött ­ licher Einsall, lassen Sie mich Ihnen dafür die Hand küssen, gnädige Frau," und ich neigte meine Lippen aus die schlanken Finger, die eben fürsorglich den Tee bereiteten. „Loben Sie mich nicht, bevor Sie sich nicht von der Lebensfähigkeit der Sache überzeugten, lieber Freund," sagte sie, „ich hatte die Idee dabei im Auge, daß es viele talentvolle Menschen gibt, die nebenbei recht unpraktisch sind und die, wenn sie sich auffrischen, und erholen wollen, geräuschvolle Bäder oder gar das oft von recht langweiligen Sommerfrischlern bevölkerte Gebirge aufsuchen — und dann, wie oft fehlen auch die Mittel." „Oh, das ist eine hertliche Idee von Ihnen, gnädige Frau," wiederholte ich bewundernd, „denn es gibt auf weiter Erde wohl keinen geeigneteren Platz als dieses Schlößchen hier, keine Landschaft, der mehr Ruhe und Friede entströmte. Und dazu Ihre Gegenwar.t — Ihre " „Nein, nein," wehrte sie energisch mit der Hand, „meine Gesellschaft ist nur ganz beiläufig, ich habe nicht einmal meinen Namen zu dem.Künstlerheim' hergegeben, damit ein jeder ohne Vorurteil hier Aufenthalt nehmen könne." Bei den letzten Worten senkten sich ihre Lider und ein leichter Schatten flog über ihr Gesicht. Sie dachte an Bruno! Und plötzlich wurde es mir klar, daß er es gewesen, der ihr diese Idee ein ­ gegeben hatte, er, den sie liebte und dessen Sein ihrem Leben die Richtung gab. Ich sagte nichts, aber ich wurde nachdenklich und versuchte mich in den Jdeengang der seltenen Frau zu versenken. „Was meinen Sie, lieber Doktor," sagte sie nach einer Weile, während sie mir die Schüssel mit dem Braten näher schob, „ich habe vor, den Winter in Italien zu verbringen, ich möchte mein künstlerisches Urteil schärfen und —" „Aber gnädige Frau, Ihr Urteil, dünkt mich, ist auf der Höhe —" „Ich möchte mehr Technik studieren, damit meine eigenen Arbeiten — o. Sie wissen nicht, wie ich die Kunst liebe," unterbrach sie sich dann selbst, „und wie ich mich freue, ein wenig aus der Lein ­ wand herumzupfuschen." „Und werden Sie hier entbehrlich sein?" fragte ich. „Ich-denke, ja. Die Sache ist im Gange, Sie werden sich morgen selbst davon überzeugen, und ich habe, wie schon gesagt, alles so eingerichtet, daß ich durchaus im Hintergründe bleibe. Mein Name spielt dabei gar keine Rolle. Diesen kleinen Seiten ­ flügel hier habe ich mir selbst und meinen nächsten Freunden reserviert, meine Tante bewohnt das Parterre drüben im Hauptgebäude, und in den oberen Räumen hausen meine Gäste. Ich kann da nötigen ­ falls sechzehn unterbringen, zähle aber eigentlich nur aus zwölfe, um ihnen jeden Komfort gewähren zu können." Und dann ging sie mit liebenswürdiger Offenheit auf die Einzelheiten ihrer Einrichtung ein und sprach mit mir so warm und treuherzig, wie mit einem Bruder. (Fortsetzung folgte Ja — wie wohl. Was wissen die Leute, wie 's geschah — Das wissen nur du und ich. Wir lächeln und denken: was keiner sah, Ist auch nur für dich und mich. Wir wissen allein, wie sonnig der Tag, Wie süß die laulichte Nacht, Wie lockend der Amsel, des Finkleins Schlag, Wie Blumen du mir gebracht. Glutrote Nelken, die standen im Glas, — Ja — waren die schuld daran? Glutrote Nelken, und dies und das. Wir wissen wohl selbst nicht, wie und was Es endlich uns angetan. Marburg. Cmmy Luise Grotefend.