dumpfe Brüllen der Kühe kam vom Dorfe herauf. Die heimatlichen Laute wirkten beruhigend. Bläulicher Rauch stieg aus aus den meisten Schloten der roten Ziegeldächer. Der kam aus den Hütten der Lebendigen und Frohen. Dort hatten die Toten, die Gespenster keine Macht. Ohne weitere Worte stapften die beiden Männer den letzten steinigen Pfad am Hang hinab dem Dorfe zu. Die Augen des Schmächtigen blieben beharrlich am Boden hasten, die des Riesen aber prüften alls ­ merksam den Stand der Kartoffeln, die in der Blüte standen, die schweren Häupter der Gerstenhalme, die üppige Esparsette, von deren goldenen Blüten süßer Drift aufstieg. Alles war voll sommerlichen Segens. Behagliches Bienengesumm ringsum. Grillen zirpten, das Gezwitscher der Schwalben hoch in der Lust und im Heckengesträuch das laute Schwatzen eines Zaunkönigs, der seine Jungen zusammenrief. Die ganze freundliche Melodie des bescheidenen Tales. Die Kühlung des Abends stieg erfrischend von dem kleinen, blauschimmerndeu, lebendigen Wasser auf. Im Halbkreis umfloß die Fulda das Hessen- dörfchen, so daß es aus einer Insel zu liegen schien. Silberweiße Geißenherden waren aus den Userweiden zerstreut. Toll bellend sprang der Spitz des Bürger- Meisters darin herum. Der Spitz des Bürgermeisters war allmächtig im Dorfe, er durste alles und nutzte seine Rechte aus. Buntscheckige, fahle und glänzend schwarze Kühe standen im flachen Wasser des User ­ randes und stillten in großen, langen Zügen ihren Durst, behaglich durch die weiten Nüstern blasend. Der gewaltige, rote Gemeindestier watete daneben. Sein tiefes, sattes Brummen klang bis herauf zu den Heimwärtswanderndeu. Bang und zitternd spiegelten sich die Tiere im Wasserspiegel. Auf der Holzbrücke standen Kinder und riesen dem Stier, den sie fürchteten, seinen Necknamen zu „Hans Kurt Tippenlecker*)'" Hans Kurt kümmerte sich nicht darum, er schüttelte nur die große Messing ­ schelle an seinem mächtigen Stiernacken, die gab lustige Töne als Antwort. Bauern und Bäuerinnen standen feiernd umher und weideten sich an dem Anblick des Viehes, ehe jeder, mit Peitsche oder Gerte, das seine heimwärts trieb. „Ta is die Karline mit den Kiben'" sagte Adam. setzte den Finger an den Mund und tat einen gellenden Pfiff. Eine schlanke Frau mit rotbraunem, welligem Haar und lebensvoll leuchtenden Augen, die zwei große Rinder mit der Gerte vor sich hertrieb, hob den Kops und lachte den Adam an, daß man ihre blanken, gesunde Zähne sah. Es war ein gutes Lachen. Es sprach von gutem Willen, guten Worten und guten Stunden. Es war auch ein glückliches Lachen. Die Frau freute sich des Anblicks ihres Mannes, seiner Heimkehr. „So ein Wibesmensch wie die Karline soll erst noch geboren werden", sagte Adam. „So eine Feine. Aparte'" Der Stolz brach ihm aus den Augen. Der Mann neben ihm blieb plötzlich stehen, wie atemlos. „Geh nur zu. Adam'" keuchte er. „Ich bin marode, ich han's Reißen in allen Gliedern. Ich möchte da eine halbe Stunde ausrasten. Grüß die Karline von mir'" Adam stand zögernd, der Kamerad war in einer Verfassung die ihm nicht gefiel. „Witte etwa wieder in den Wald rinne? Komm mit, die Karline hat Speckkuchen gebacken." Aber der Kleine lag schon aus dem Grasrain am Wege und verschränkte als Kopfkissen die Arme unter dem Kopfe. An den bleifarbenen Ringen um die Augen, an dem schweren Atem merkte mau die Ermüdung. Den Adam riß es vorwärts. Dort unten im roten Abendlicht gleißte das Haar seiner Frau. Tie Karline war ihm alles Immer hat der das Leben, der liebt und geliebt wird. Mit großen Sprüngen rannte der Adam bergab. „Karline, Karline'" klang es jauchzend aus seiner Brust. Ter Henner sah ihm mit durstigen Augen nach Der hat das Glück dachte er. und waü hab' ich f Nischt, als den Buckel voll Angst. Er lag still und schloß die Augen. Jetzt gingen der Adam und die Karline zusammen heim. Das wollte er nicht sehen — konnte es nicht. Es zerfraß ihm das Herz. Um der Karline willen hatte der Jakob dran glauben müssen - um der Karline willen wurde der Totschlag begangen. Nun war die Karline Adams Weib. Der Adam hatte immer zugepackt — und er hatte sich immer gefürchtet und im Winkel herumgedrückt. Weder Weib noch Kind, weder Freude noch Liebe — nichts als schwere Arbeit für das bißchen elendes Leben' Und immer, immer die Angst. Er faßte nach seinem Hosengurt. So schnell wür's geschehen eine Schlinge um den Hals und an den nächsten Baumast. Tann wär's vorbei Nein, nichts wäre vorbei sagte neulich der Pastor aus der Kanzel, dann fing's erst an, dann würde jede Sünde zu einem ewigen Teufel. Ja, so war's. Der Henner lag wieder still. Der großen Schuld konnte er nicht entrinnen, weder hier noch dort. „Ter Gerechtigkeit Gottes kann niemand entfliehen" hatte der Pastor gesagt. Schrecklich wahr war das' Schrecklich wahr' Jedes Wort Gottes, das er jetzt hörte, fiel auf den Henner nieder wie der Schmiede ­ *) Topflecker.