S«BL> 6 Jakob im Walde. Erzählung von M. Herbert. Hoch über den kahlen Heidekopf ging der Fußweg durch Gestrüpp Schlehengesträuch und Brombeer ­ gerank, vom Steinbruch an der Roten Wand hin ­ über nach Kirchbach im Grunde. Rechts und links von der Heide stand der Buchenwald, seine Wipfel ragten in die Senkungen der Nachbartäler hinab. Alter Hochsorst mit reichlichem Unterholz. Etwas Geheimnisvolles und Schweigendes hat der Wald. Vieles geschieht darin, was keiner erfährt. Ein Stück vor dem Dorfe wich der Wald zurück. Wiesen und Felder dehnten sich am Abhang hin. Manneshoch stand das hungerstillende Korn in Ähren, eine goldene Versprechung. Es war zu Anfang des Schnittermoudes. ängstlich schauten die Bauern nach den weißen Hagelwolken, die vor der wilden Jagd der Gewitter herflogen. Bis jetzt war keine nieder ­ gegangen. auch hatte sich die fette Gerste nicht gelegt und der Brand war nicht im Weizen. Ter sättigende und kräftige Geruch des reisenden Getreides kam in großen Wellen durch die Lust und weckte dem ein Gefühl des Wohlbehagens und der Gesundheit, der ihn einatmete. Der eine der beiden Steinmetzen, die um die Feier ­ stunde vom Steinbruch heimkamen, früher als sonst, am Samstagnachmittag, legte die gewaltige, braune Arbeitshand über die scharfen, grauen Augen um sich vor der Blendung des Sonnenunterganges zu schützen und den Blick auf die Felder zu gewinnen. Tie Felder wogten wie ein goldenes Meer talabwärts, und der Mann fühlte darüber Freude. „Gibt 'ne gute Ernte das Jahr. Henner'" sagte er zu seinem Kameraden. „Ta wird das Brot, der Schnaps und die Kartoffeln billig un weren vele Kenger uff de Welt kummen." Ter blasse, von der Arbeit krummgezogene Man», der schlapp und schlaff neben dem fest ausschreitenden Hünen ging, hob wie mühsam die schweren, breiten Augenlider. Sein erloschener kummervoller Blick streifte gleichgiltig über die goldenen Kornwogen, auf denen das Abendrot gleißte und ein leichter Wind spielte. Fern vom Waldweiher herüber kam das allabend ­ liche. klagende und dumpfe Rusen der Unken. Es machte die beiden Männer gleichzeitig erschauern, Unkenruf bringt Unglück. Ter Kleinere blieb zitternd stehen. „Hörst Du den Jakob im Walde Adam? So hör' ich ihn die ganze Nacht. Was haben wir beede mit der Ernte und mit Kengern zu tun? Ter Jakob paßt uff, er lauert uff uns. Er hat letzte Nacht an mein Fenster geklopft, dreimal hinnereinander, ganz deutlich. Er hat keene Ruhe Ich bin 's Leben satt. Ich gehe uffs Gericht und sage alles. Der Jakob will us'm Wald ustn Totenhos, wo die ehrlichen Menschen begraben liegen. Er will sin Recht Ich will den Stein von der Brust haben, er zerdrückt mich." Die spärlichen grauen Haare aus dem spitzen, kümmerlichen Schädel des Henner standen zu Berge. Er sah sich scheu um. Es war ihm stets, als gehe jemand ihm nach immer hörte er leise gleitende, ihn verfolgende Schritte. Wo er ging und stand, war er zu zweien. Immer lauter und dumpfer kam der Unkenruf aus dem Walde. Tief und stöhnend, vorwurfsvoll und suchend wie eine Menschenstimme, wie der Hülse ­ ruf eines Verschütteten. Der klagende Ruf schien sich der klaren Luft mitzuteilen, daß sie schwer und drückend wurde und den Männern der Atem ver ­ sagte. Der Große mit der weiten Brust und den Riesengliedmaßen fühlte, daß es ihn überrieselte. Die graue, schlotternde Angst neben ihm steckte ihn an mit ihrem Fieber. Scheu flog sein sonst so kühn und keck ausschauendes Falkenauge nach allen Seiten, spähte die Felswand entlang, streifte ausweichend den dunklen Forst. „Bist nit bei Troste, Henner?" flüsterte er heiser vor Aufregung. „Kannst den Jakob nicht aufwecken. Halt' endlich das Maul' Dem Jakob ist wohl im Walde. Laß ihn ruhen. Machst mich und Dich und die Karline unglücklich vor nischt und wider nischt." „Js mir alles egal. Ich will meine Straf, will meine Ruh' und meinen Schlaf. Tahin will ich. wo mich der Jakob nit finden kann, in die Barm ­ herzigkeit Gottes Un wenn se mich auch einen Kops kürzer machen. Js mir justement recht. Was hab' denn ich noch vom Leben?" „Mußt ins Heinchen')' Hast Dich lange nit ordentlich besoffen. Das sag ich Dir. totschlagen tu ich Dich, tust Du nur einen Muckser." Der Riese faßte den Schmächtigen so fest am Handgelenk, daß er ausschrie. Er schüttelte ihn. daß alle Gebeine schlotterten. „Denk doch an die Karline" mahnte Adam. Henner senkte den Kopf und schwieg. Er dachte an die Karline Nein, die wollte er nicht ins Unglück bringen, die nicht. In der Ferne der Unkenruf wurde schwächer, das Krähen der Hoshähne. das Bellen der Hunde, das ') Nach Haina, der Irrenanstalt für geisteskranke Männer in Heften.