330 Kasseler Skizzen. Von W. B e n n e ck c. III. Gültige Theatergefchichlen. Gegen Ende der fünfziger Jahre des verflossenen Säkulnms stand die kurfürstliche Hosoper in Kassel wieder einmal in ihrer vollen Blüte. Es waren da engagiert als erster Tenor Theodor Wachtel, als Bariton N ü b sa in e n, als Bassist Hochheimer, ein Künstlerkleeblatt, das seines Gleichen suchte. Ebenbürtig gegenüber standen ihnen die Damen Seelig, Veith und Masius. Zu diesen trat noch die vortreffliche Soubrette Amalie Kraft, eine der begabtesten Vertreterinnen ihres Faches, deren Laufbahn leider nur eine kurze sein sollte, da sie das Leben mit allzu vollen Zügen genoß. Fräulein Veith war, ehe sie nach Kassel kam, in Frankfurt a. M. engagiert gewesen, dessen Theater ­ leiter damals der Lustspieldichter Roderich Benedix war. Dieser, obschon ein hoher Vierziger, war von der Künstlerin noch in eine solche Begeisterung ver ­ setzt worden, daß er, wenn sie in Kassel eine große Partie zu singen hatte, gerne vom Main an die Fulda eilte, um sich an ihrem reizenden Anblick und dem Wohllaut ihrer Stimme zu erfreuen. Das Erscheinen des Dichters bei solchen Gelegenheiten im Kasseler Theater fand jedoch so häufig statt, daß die Parterrebesucher schließlich behaupteten, Benedix litte an gelindem „Veitstanz". Fräulein Veith heiratete den obengenannten Baritonisien Rübsamen, beide aber verließen schon nach wenigen Jahren die Kasseler Bühne. Gleichzeitig mit Fräulein Seelig, der Prima ­ donna, war der Schauspieler Albert Werse im Kasseler Hoftheaterverband. Wie es sein Fach als jugendlicher Held und Liebhaber verlangte, war er ein galanter, junger Mann von ansprechender Persönlichkeit, schlank und hochgewachsen, sodaß er ­ den Beinamen der „schöne" Albert erhielt. Fräulein Seelig war dagegen eine nicht sehr große, aber um so rundlichere Dame, von welcher man sich ver ­ schiedene amüsante Historien zu erzählen wußte; u. a. habe ihr Anblick vom Fenster aus einen biederen Holzhäcker so geistesabwesend gemacht, daß er nach dem Scheit Holz auch den Sägebock durch ­ gesägt habe. Dieselbe Geschichte erzählt man sich jetzt auch von Fräulein Forma neck, die einige Jahre nach der vorgenannten Künstlerin hier engagiert war. Albert Weise und Rosalie Seelig wohnten in der Fünfsensterstraße (damaligen Wilhelmshöher Straße) nicht weit von einander, sodaß er jeden Morgen an ihrem Hause vorüber mußte. Da wollte man nun wissen, daß sie ihm zurufe: „Komm', Weise, laß' uns selig sein!" und er ihr erwidere: „Nein, Seelig, laß' uns weise sein!" Weises damaliges Engagement in Kassel war nicht von langer Dauer, zwanzig Jahre später aber kehrte er zurück, nachdem mittlerweile aus dem Liebhaber ein Heldenvater geworden war. Auch sonst war eine Veränderung mit dem schönen Albert vorgegangen, denn er hatte sich einen ^.eearit aigu zugelegt und nannte sich nunmehr Weisö. Als Grund dafür gab er an, daß es in „Donna Diana" stets Heiterkeit erweckt habe, wenn von ihm. als Don Cäsar, gleich zu Ansang des Stückes gesagt worden sei: „Ter Weise hat geredet." Einen ähnlichen Fall erzählte auch die Schau ­ spielerin Buse. Als sie die „Pvrzia" im „Kauf ­ mann von Venedig" in irgend einer Universitätsstadt dargestellt, sei bei den von ihr gesprochenen Worten: „Er soll die Buße haben, weiter nichts" und ferner bei der Stelle: „Tu sollst nichts haben als die Buße, Jude, die du auf eigene Gefahr magst nehmen —", regelmäßig ein allgemeiner Jubel ausgebrochen. Deshalb nannte sie sich aber doch nicht etwa Buse. Weise, der Heldenvater, wußte sehr hübsch zu erzählen und gab häufig im Freundeskreise kleine Geschichten aus seiner Vergangenheit zum Besten, von denen eine hier folgen möge. Als er sich in Amsterdam im Engagement be ­ fand, bekam er einen Ruf nach Wien, um in Laubes „Bösen Zungen" aufzutreten, leider konnte er dies ehrenvolle Anerbieten nicht annehmen, da er bereits von Bodenstedt für das Meininger Hos- theater zum Gastspiel verpflichtet war. Betrübt reiste er also von Amsterdam nach dem kleinen thüringischen Städtchen, das ihm keinen Ersatz für die große Kaiserstadt zu bieten vermochte und be ­ gab sich dort angekommen sofort zu dem Inten ­ danten. Herr von Bodenstedt aber sah ihn groß an und sagte: „Ja, um's Himmelswillen, was wollen Sie denn hier? Ich habe Ihnen doch depeschiert, daß Sie nicht kommen sollten." Leider war die Depesche aber erst nach Weises Abreise in Amsterdam angelangt. Der Herzog, erklärte Boden ­ stedt weiter, sei in Berlin und treffe erst in acht Tagen wieder ein, am Abend sei eine Tragödie von Aeschylos und gleich darauf reise der Herzog nach Italien, könne ihn also unmöglich sehen. Nun nahm Weise seine Zuflucht zu dem alten Direktor Grabowsky. Ter ist ein Biedermann, denkt er, der von der Pike auf gedient hat und weiß, wie es einem armen Komödianten unter solchen Umständen zu Mute ist. Der Grabowsky aber sicht ihn noch viel größer an als Herr von Bodenstedt und sagt ihm rund heraus, er wisse