313 schauten sie mich unter dunkel umsäumten Wimpern lieblich, halb ängstlich an. Fast stotternd bat ich sie, Platz zu nehmen, und erst der hilflose Ausdruck, der aus dem reizenden Gesichtchen erschien, ries mir ins Gedächtnis zurück, daß dies Engelchen — wie ich sie innerlich titu ­ lierte — ja leider nur englisch sprach. Also heraus mit den Kenntnissen! Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt, weiß nicht, ob sie mich verstanden hat, aber aus ihren lebhaft heraus- gesprudelten, unzähligen yes, yes, yes, o yes, yes konnte ich ihre Bereitwilligkeit, sich all meinen Anordnungen zu fügen, erkennen. Zunächst brachte ich Schwester Jane zu ihren Landsmänninnen, empfahl sie aber außerdem noch extra der Schwester Adelheid, einer feingebildeten Franksurterin, die die englische Sprache beherrschte und mir und den andern Schwestern schon oft als Vermittlerin gedient hatte. Tann stürzte ich mich wieder in meine Arbeit, und davon gab es so viel und von so ernster Natur, daß ich darüber das Engelchen gar bald total vergessen hatte. Auch die nächsten Tage waren so ausgefüllt, daß ich nicht an Schwester Jane dachte, sie fiel mir erst wieder ein, als sie eines Morgens meinen Weg kreuzte und mich gar lieblich und anmutig begrüßte. Sie war aus dem Weg nach dem Badezimmer, um ein Bad für einen Typhuskranken herzurichten; die linke Hand hielt das Thermometer umklammert, und der rosige Zeigefinger der rechten lag krampfhaft fest gedrückt aus dem ihr von Schwester Adelheid an ­ gegebenen Wärmegrade. „Wie macht sie sich denn?" fragte ich Schwester Adelheid, die ich gerade im Bureau traf, dem einzigen Raum, der ihr die Möglichkeit bot, einmal ein paar Bissen ungestört zu essen. „Wer?" fragte diese zurück. „Schwester Jane." „Lieber Sanitätsrat," ries Schwester Adelheid ausfallend erregt, „sehen Sie mich mal genau an. Habe ich noch keine grauen Haare bekommen? Nein? Nun, ein Wunder wäre es nicht, denn etwas ab ­ solut Unbrauchbareres als dies Menschenkind ist mir noch nicht begegnet." Sprach's und war hinaus, mich in großem Er ­ staunen ob des eben Gehörten zurücklassend. Nur zu bald sollte ich erfahren, daß meine gute Schwester Adelheid mit ihrem Urteil über das Engelchen nur zu recht gehabt hatte Im Begriff, mich zu den Kranken zu begeben, hörte ich, von der Gegend des Badezimmers her ­ kommend, Schwester Adelheids Stimme. „O bu großer Gott! Schwester Jane, was ist das nun wieder!" Ich beschleunigte meine Schritte und kam so gerade hinzu, wie Schwester Adelheid mit hoch ­ geschürztem Gewand durch das überflutete Bade ­ zimmer schritt, mit energischer Hand die beiden noch immer laufenden Krähne schloß und das Ab ­ zugsrohr öffnete. Am Fenster aus einem Stuhl stand Schwester Jane, in der Hand ein Buch, über dessen Inhalt sie vermutlich vergessen hatte, die Krähne zu schließen, und schaute hilflos, mit in Thränen schwimmenden Blauaugen, auf die an ­ gerichtete Sintflut. Ich war ebenfalls äußerst ärgerlich, konnte aber trotzdem nicht umhin, innerlich die Bemerkung zu machen, daß Schwester Jane unglaublich liebreizend in ihrer Demut und Hilflosigkeit aussah; in ihren • Augen lag der Ausdruck eines geängstigten Kindes, welches fürchtet, gescholten zu werden, und ich drängte jedes harte Wort zurück, welches mir auf der Zunge schwebte. Sie machte aber, offenbar aus Rücksicht auf ihre feinen schwarzen Schuhe, keinerlei Anstalten, ihren Zufluchtsort zu verlassen. So rief ich den braven Schölten zu Hilfe. Dieser in jeder Situation höchst brauchbare Mensch übersah die Sachlage mit grimmigem Lächeln, 1 machte sofort „kurze Fufzehn" und trug Schwester ! Jane auf seinen starken Armen aus dem Bereich ihres unheilvollens Wirkens. „Nun. was habe ich Ihnen gesagt, lieber Sänitüts- rat," fragte Schwester Adelheid, die ans den Knieen liegend, mit einem Tuch die letzten Wassermassen aufzusaugen versuchte, „absolut unbrauchbar! Sie ist nicht imstande, einem Kranken einen Löffel Medizin zu geben, ohne die Hälfte zu verschütten und die Stunde zu vergessen; von andern Hilfe ­ leistungen, wie Wunden verbinden n. dgl. ganz zu schweigen!" „Sie mögen recht haben, liebe Schwester," war meine gedrückte Erwiderung, „es hilft uns aber alles nichts, Ihre Königliche Hoheit haben die Ver ­ wendung dieser Schwester zu dringend gewünscht." „Das mag sein, aber dann bitte verfügen Sie selbst in Zukunft über die Verwendung dieser Schwester, ich danke", entgegnete mir Schwester- Adelheid etwas kurz und verschwand mit ihrem Wischtuch. Ich seufzte. Da war wirklich guter Rat teuer. Das Küchendepartement war reichlich versehen und an Pflegeschwestern großer Mangel, ich hätte das Engelchen darum nur zu gern als solche behalten. Wir hatten im ganzen mehr Kranke als Verwundete in unserm Lazarett, das Belagerungsheer von Metz sandte uns viel Typhus- und Ruhrkranke zu, welche später durch die französischen Gefangenen noch ver ­ mehrt wurden.