301 wie er in der Bibel stand. Der kam nicht reumütig nach Haus, strunzte lieber als Fittch in der Welt herum. Lb die Christine auf den Jakob hatte anspielen wollen, weil sie alles so hübsch nachsprechen that? Schon möglich, sie war seelengut. Ihm war sell viel auf der Zunge gelegen, er hatte es aber Hinuntergeschluckt. Was sollt' er dem Mädchen oorlaincntiercn! Das verschloß man gottseben am besten in sich. Sie kannte den Jakob nur voiit Hören ­ sagen, wußt' nicht, wie grundverdorben er war. An dem war alle Predigt verloren. Die Sünde nahm er auf sein Gewissen: Der Bnb war bei ihm ausgethan. — Vom Dorf her drangen abgerissene Klänge, der Wächter hörnte Mitternacht. Der Flnrschütz schlug einen Feldweg ein und näherte sich bcm Hollerbach. Auf dem Wasser lag ein Nebelstreif, darüber goß der Mond sein Licht. Ein Lüftchen hatte sich ausgemacht und trieb das Silber- gcfpinnst hin und her. Da formten sich seltsame Gestalten. Alraune und Wichtel, eilt ganzes Heer. Ja. wer an den Spnk noch glanben mochte. Bei Gott! Dort drüben regte sich was. Kein Heinzelmännchen, ein leibhafter Mensch. — Mit einem Satz sprang der Flurschütz über den Bach, ging einer schmalen Furche nach und sah den Wolfsacker vor sich liegen. Über den Grenzstein bückte sich ein Mann. „Wer da?" rief ihn der Flurschütz an. „Ich sein's", gab eine heisere Stimme zurück. Der Flurschütz war auf Schrittlänge herangekommen. „Hobach? Du?" „Ja. ich." „Was schaffst Du hier?" „Kümmert's Dich? Ich denk', ich steh'n auf meinem Grund." „Nachts?" „Jawohl, nachts." „Und lawerierst wieder da am Grenzstein herum?" „Was fällt Dir ein?" „Hobach. fass' ich Dich noch einmal, kommst Du unter drei Jahr' nicht weg." „Ich hab' den Grenzstein nicht angerührt." „Ich sag' Dir's in Gutem. Hobach, geh' heim." Der Mann machte keine Miene zu gehen. „Ich bleib'! Du hast mir nix zu kommandier'»." Jetzt donnerte der Flnrschütz ihn an: „Galgenstrick, gleich gehst Du mit!" Da zuckte der Justus Hobach zusammen, zog blitzschnell etwas aus der Tasche hervor und drang auf sein Gegen ­ über ein. Des Flurschützen Adlerblick war ihm gefolgt. Im Nu sauste sein Knotenstvck nieder und traf mit Wucht des Gegners Kopf. Ein Messer fiel auf die Ackerscholle. Der Hobach aber schlug rücklings zu Boden, von seiner Stirn rieselte Blut. — Fernher rauschte der Hollerbach. Eine Eule flatterte über die Stätte und erhob ihr häßliches Geschrei. Es war so hell wie am lichten Tag. Der Flurschütz richtete den Getroffenen auf und band ihm sein Schnupftuch um den blutenden Kopf. Der Justus hatte ihm ans Leben gewollt, er hatte sich bloß seiner Haut gewehrt. So weit war's jetzt mit dem gekommen. Gestern aus dem Stockhaus entlassen, heut' ein wüster Mordgcsell. Wie ein Mensch sich sein Leben so verschütten konnte! Er kannte den Hobach von Kinds ­ beinen an. Der trübte vordem kein Wässerchen, ging still und friedsam seiner Wege. Nun fiel ihm aus Erbschaft der Wolfsacker zu, der lange brach gelegen hatte. Und es passierte, daß er Sonntags sein Gewann beschritt und vermeinte, ein Streifen sei ihm abgezackert. Herrgott, wer hatte das pexiert? Das mußte vor Tag geschehen sein. Daneben lag dem Schmalbach sein Acker. Der schien auf einmal so merkwürdig breit. Schmalbach, Nimmersatt, daß Dich die Pest! Der Schmalbach leugnete alles ab. Die Sache kam ans Feldgericht. Das sprach den Friedrich Schmalbach frei und ließ alsbald einen Markstein setzen. Der Hobach war selbigmal ganz aus dem Häuschen und schlich wie verpicht um den Stein herum, Die Leute sprachen: Der schnappt noch über. Der Grenzstein ging ihm nicht aus dem Kopf. Und er griff wahrhaftig zu Hacke und Spaten und verrückte im Dusterlicht den Stein. Dabei hatte der Flurschütz ihn gefaßt nnd stracks dem Strafgericht überliefert. Drei Monat hatten sie ihn ein ­ gesteckt. Drei Monat Gefängnis, das war hart. Unter den „Kochemern" war er völlig verwildert. Das sah man, wie er zum Messer griff. Der Flurschütz hob das corpus delicti auf und steckte es behutsam ein. Der Justus hatte einen Haß auf ihn, weil er der An ­ geber gewesen war. Er hatte gethan, was sein Amt ihm gebot. Da gab's beileibe kein Berdutscheln. Und wenn's der eigene Bruder war. Selbigmal hatte er freilich seine besonderen Gedanken gehabt. Der Schmalbach war ein durchtriebener Kunde. Dem war eine Büberei schon zuzutrauen. Nun that das Feldgericht seinen Spruch. Dernacher hieß es: das Maul gehalteu. Der Hobach wollte sein gutes Recht und hatte sich schrecklich hineingerannt. Der Schmalbach, der Kujon, rieb sich die Hände. Wie's zuging unter dem Menschenvolk! Es war zum Lachen und Flennen zugleich! — Vor ihm lag der blutrünstige Mann. Da beschlich das Mitleid sacht sein Herz. Der da war gewiß der Schlimmste noch nicht. Die Menschen hatten ihn rabbiat gemacht. Und es liefen ihrer im Dorf herum, die schmuckeligcr waren wie der. Ans dem armen Teufel herumzutrampeln, war Skandal und Niedertracht. Wenn er sich sonst nur wieder aufrappeln that — was diese Nacht geschehen war. gelobte der Flurschütz sich, schwieg er tot. — Der Verwundete stöhnte leise. „Wie ist's dann?" fragte der Flurschütz besorgt. Der Mann war leicht verletzt, aber völlig zerknirscht. „'s hat mir nix gethan", sprach er dumpf vor sich hin.