263 In dem nun zwischen dem Kurfürsten und Herrn von Eschwege folgenden Gespräch bemerkt der letztere, dos; er den Zirkusbesitzer, falls ihm die Erlaubnis versagt werde, schadlos halten müsse, worauf der Kurfürst erwidert: „Na, dann lassen Sie ihn in drei Teufelsnamen Weiterbanen, denn wenn Sie ihn schadlos halten, Eschwege, muß ich die Geschichte ja doch bezahlen." Eschwege ärgerte sich über die Logik des Fürsten und begann alsbald stark zu husten. „Was fehlt Ihnen, Eschwege?" „Ich bin verschnupt (!), Königliche Hoheit." „So! — Wie kommt das?" „Es ist mir eben eine Mücke in den Mund geflogen und die habe ich verschluckt?" „Verschluckt!" ries der Kurfürst aus, der sich ungemein leicht verekelte, und begann sich dann heftig zu erbrechen. — Der Stallmeister, dem gar keine Fliege in den Hals geraten war, hatte sich gerächt und der kleinen Majestät ans dem Throne Hessens die erhaltene moralische Backpfeife mit dem Zirkusbesitzer aus seine Art zurückgezahlt." Mit Bezug auf diese Darstellung schreibt uns Herr Heinrich Jonas, der bewährte Kenner altkasseler Verhältnisse und Begebenheiten: „Seitdem in der Frühjahrsmesse des Sturmjahres 1848 der jugendliche Renz seinen Zirkus auf der damals wüsten Rasenfläche hinter der Garde-dn- Corps-Kaserne aufgeschlagen hatte, sahen wir durch eine ganze Reihe von Jahren keine anderen Kunst ­ reiter hier, hauptsächlich aus dem Grunde, weil man dem Kurfürsten eingeredet hatte, daß durch Zirkusvorstellungen die Kasselaner vom Besuche des Hostheaters zurückgehalten würden. Dem Polizei ­ direktor, bei dem zu allen derartigen Schaustellungen zuvor die Erlaubnis auszuwirken war, wurde dem ­ zufolge befohlen, der Aufstellung eines Zirkus oder verwandten Unternehmens, von dem ein starker Zuspruch der besseren Kreise zu befürchten war, ein für allemal zu verbieten, und diesem Befehle wurde vorkommenden Falles auch streng Folge gegeben. Nun passierte es in der Frühjahrsmesse des Jahres 1860, daß die Zirknsbesitzer Hütte mann und Suhr hierher kamen und bei dem damaligen Polizeidirektor Bernstein um Genehmigung nach ­ suchten, Vorstellungen geben zu dürfen. Der unter dieser Flagge segelnde Zirkus stand zuvor wegen seines ausgezeichneten Pferde- und Künstlermaterials in hohem Ansehen, hatte aber zu jener Zeit in Südrnßland oder in der Türkei durch Unglücksfälle so argen Schiffbruch gelitten, daß von all' der früheren Herrlichkeit nichts übrig geblieben war als außer wenigen ganz unbedeutenden noch zwei Pferde von allerdings höchster Dressur, womit die Besitzer sich elend durch die deutschen Lande schlugen und entblößt von allen Mitteln hier ankamen. Polizeidirektor Bernstein, der diese Armseligkeit wohl nicht unter den Begriff eines Zirkus glaubte bringen zu müssen, der den Besuch eines Kunst- instituts wie unser Hoftheater zu gefährden im ­ stande sei, gab ohne weiteres die Erlaubnis zum Spielen, und so stand denn unter anderen Schau ­ buden auf dem alten Kadettenplatze (Steinweg) ein kleiner Zirkus von trauriger Gestalt in der Um ­ hüllung von abgenutztem, rissigem und hundertfach geflicktem Leinen. Ter kurfürstliche Oberstallmeister von Eschwege, dessen ritterliche, schöne Erscheinung uns Älteren in lebendiger Vorstellung geblieben ist, ein echter Kavalier von feinster Art, der nie niib nimmer sich solche unpassenden plumpen Scherze dem Kur ­ fürsten gegenüber erlaubt hat, wie sie in dem Artikel der „Sonne" erzählt worden sind, hatte schon vor Beginn der Messe durch seine Stall ­ bediensteten Kunde von der Anwesenheit der Zirkus- pserde erhalten, und als großer Pserdesrennd und -Kenner machte er alsbald dem Zcltstall am Stein ­ wege seinen Besuch und ließ sich die Pferde vor ­ führen. Ganz entzückt von der Schönheit und hohen Dressur der beiden Tiere, sicherte er für sich und seine Freunde regen Besuch der Vor ­ stellungen zu. Der Polizeidirektor, welcher dem Kurfürsten jeden Montag über alle wichtigen Vorkommnisse in seinem Ressort Vortrag zu halten hatte, wurde nun sehr ungnädig empfangen, weil er, dem kurfürstlichen Gebote zuwider, dem genannten Zirkusbesitzer erlaubt habe, Vorstellungen zu geben, was dem Kurfürsten von übelwollender Seite sofort hinterbracht worden war. Wie Bernstein sich auch bemühte, dem Fürsten darzulegen, daß er durchaus nicht gegen seine Vor ­ schrift gehandelt habe, da dieses ärmliche Zelt denn doch ganz und gar nicht unter die Kategorie der Zirkusse zu registrieren sei, es blieb bei dem strengen Befehle, die Bude sofort abbrechen zu lassen. Bern ­ stein mußte dem nachkommen, so leid es ihm für die armen Menschen auch that. Das gab nun gar großen Jammer. Die Leute, die ohne einen Heller Geld gekommen waren, hatten bisher alles auf Kredit entnehmen müssen und wußten nun keinen Rat, wie sie diese Schulden, die sie aus den bevorstehenden Einnahmen zu decken gedachten, begleichen sollten. In seiner Verzweif ­ lung wandte sich Hüttemann an Herrn von Eschwege, ob er, der sich so freundlich gezeigt hatte, ihm vielleicht aus seiner Not herauszuhelfen vermöchte. Dieser sann darüber nach. Mit einer mäßigen Geldunterstütznng war es nicht gethan. Da kam ihm ein guter Gedanke, und er gab Hüttemann einen Weg an, wie er den Kurfürsten, aus dessen