355 tobten, haben bekanntlich auch unser altes Stammland in Mitleidenschaft gezogen, wenn es Hier auch glücklicher ­ weise nicht zu solchen Ausschreitungen und Blutvergießen kam, wie beispielsweise in Berliiu Im Gegentheil hat die ganze Bewegung bei uns, wenn sie auch des Ernstes nicht ermangelt, einen grotesk-komischen Zug, und diesen Umstand hat denn auch der Herr Autor mit seinem Ver- ständniß herausgefunden; denn er spiegelt sich fast Seite für Seite in dem vorliegenden Buche wieder. Der Revisor Morgelhahn bei der Kurfürstlich Hessischen Steuer- verwaltung. ein alter Student, steht in der Mitte der Ereignisse; zwei Seelen wohnen in ihm, der Geist der Reaktion und jener der Revolution, der Wühlhuber und Metternich, beide liegen sich in den Haaren, so lange, bis mit dem Eintritt geordneter Verhältnisse der letztere obsiegt und der Titularrath als reise Frucht vom Schicksalsbaume dem Wohlgesinnten in den Schooß fällt. Seine bessere Hälfte hat eine ähnliche Wandlung bereits durchgemacht, früher eine begeisterte Auhüngeriu des Napoleonkultus, ist sie nun die enragirte Republikanerin geworden, sie nimmt, wie alle Helden der damaligen Zeit, den Mund gewöhnlich sehr voll, und auch ihre Answärterin Utterstätt arbeitet sehr fleißig in derselben Branche, marschirt au der Spitze der vom Zeughanssturm heim ­ kehrenden Rotten und bethätigt ihren Drang nach Freiheit auch sonst ans mancherlei Art. Daneben spielt ein „junger hübscher Leutnant vom Leibregiment" die Rolle des An ­ beters der bei Revisors wohnenden reizenden Friederike und führt sie schließlich nach den üblichen Verwickelungen auch heim, wie es für einen humoristischen Roman nicht mehr wie recht und billig ist. Auf breitem Grunde ent ­ rollt so der Verfasser ein bunt bewegtes Bild der poli ­ tischen Vorgänge, in welche jene Personen handelnd ein ­ greifen, eine Fülle von einzelnen interessanten Zügen, Aussprüchen, Anekdoten u. dergl., die noch heute unter den Vertretern von Altkassel lebendig sind, ist zu einem lustigen Kranz zusammengewunden, und dürste hiervon Manches auch der ernsteren historischen Forschung nicht unwillkommen sein. Ob im Einzelnen der Herr Autor mit der geschichtlichen Wahrheit aus diesem und jenem Grunde nicht zuweilen Versteckspiel getrieben, mag der Leser au der Hand des fesselnden Buches selbst untersuchen. Die Darstellung ist spannend und lebendig, wenn auch der Dialog etwas zu viel ausgebildet erscheint; dasselbe gilt von dem humoristischen Element, das öfters au das Lustspiel erinnert. Die stark entwickelte Handlung, das stete Forteilen zu neuen Scenen' läßt ferner hier und da eine Art Hemmung, ein stärkeres Gegengewicht vermissen, wie dasselbe in dem stärkeren Betonen des Reflektirenden und in dev Kleinmalerei gegeben ist: ein liebevolles Ein ­ gehen in die Situation, die Schilderung des Schauplatzes, auf dem sich die einzelnen Scenen abspielen, des Anzugs der Personen, kurz, der ganzen Stimmung und des Kolorits wäre hier öfters neben der Übrigen trefflichen Darstellung von bester Wirkung gewesen. Meister auf diesem Gebiete sind bekanntlich Dickens und Reuter, deren Studium in dieser Hinsicht von großem Nutzen sein dürfte. Große Begabung verräth der Herr Verfasser im klebrigen in dem dramatischen Aufbau der Scenen, bei dem packenden Kapiteleingängen und wie schon bemerkt in dem lebendigen Humor sprudelnden Dialog. Eine nicht gewöhnliche Er ­ findungsgabe macht sich überall wohlthuend bemerkbar, wie auch die Charakterzeichnung der Hauptpersonen nur als eine treffliche bezeichnet werden kann. Der Herr Re ­ visor Morgelhahn ist keine jener Figuren, die heute in diesem Zeitungsroman so heißen, morgen so, heute jenen Rock tragen, morgen einen anderen, in dem jedoch in jedem Falle der alte langweilige Bruder steckt, der in hundert Romanen schon sein Wesen getrieben; ein wirk ­ licher Mensch, gut und plastisch herausgearbeitet, tritt uns hier entgegen, der Typus jener nicht geringen Zahl von Personen, welche vor .einem halben Jahrhundert die Politik in Kassel machten. So mag denn der Herr Revisor seinen Weg antreten; wir wünschen ihm Glück und Segen auf die Reise. Ueberall im Stammlande, und wo Hessen weilen, wird das Buch willkommen sein. Ein interessanteres Weihnachtsgeschenk, namentlich für die ältere Generation, dürfte in diesem Jahre wohl kaum gefunden werden. Öu. Dange. Die Bilstein er vvn Lotte Gu balle. Umschlag ­ zeichnung von A. Wagner. 143 S. Kassel (Verlag von Karl Vietor, Hofbuchhandlung) 1902. Brosch. Mk. 1.50, geb. Mk. 2.-. Unter diesem Titel legt uns im Verlag der Vietor'schen Hosbuchhandlung zu Kassel eine neue hessische Schrift ­ stellerin ihr Hermann S u d e r m a n n gewidmetes Erstlingswerk vor. Die in Berlin lebende Verfasserin ist Witzenhäuserin von Geburt, und hessisches Gepräge tragen auch die drei Geschichten, die in dem Bändchen vereinigt sind. Die erste von ihnen, „Die B i l st e i n e x", zeigt uns, verkörpert durch einen hessischen Pastoren und dessen Patronatsherrin, die verlockenden, im praktischen Leben aber so sehr versagenden Lehren des Buddhismus, denen ein gesundes werkthätiges Christenthum gegenüber steht. Im „Vorfrühling", der zweiten Geschichte, sehen wir hellen Sonnenschein in das Herz eines Pessimisten einkehren und einen glücklichen Liebesfrühling heraufführen, und in reizvoller Weise wird gezeigt, wie auch einmal altes hessisches selbstgesponnenes Linnen zum Heiraths- vermittler werden kann. Die Schlußerzählung bildet das „Ja-Jachen", die ergreifende Geschichte eines armen Mädchens, das muthig sein Bündel Unglück durch die Welt schleppt und nach seinem Tod ein kleines liebreizendes Wesen zurückläßt, das aber in gute Hände kommt und durch die Liebe beglückt und selbst beglückt wird. Wir möchten das Buch nicht in dem Gedränge des Weihnachts ­ büchermarktes hier abfertigen, sondern behalten uns vor, später noch einmal eingehender darauf zurück zu kommen, da wir der festen Ueberzeugung sind, daß hier der hessischen Literatur eine wirklich bedeutende Schriftstellerin erstanden ist. Wenn uns nicht alles trügt, dürfen wir in Lotte Gubalke für die Prosa das begrüßen, was uns für Hessen Anna Ritter in der Lyrik geworden ist. K'bach. Die Pflastermeifterin. Roman von Alfred Bock. 170 S. Berlin (F. Fontane L Co.) 1901. Preis brosch. Mk. 2.—, geb. M. 3.— Der Flurfchütz. Roman von Alfred Bock. 96 S'. Berlin (F. Fontane & Co.) 1901. Preis brofch. Mk. 1.-, geb. Mk. 2.— Auch diese beider: Werke segeln unter der Flagge der „Heimathkunst". Der Verfasser der Kulturbilder „Ans einer kleinen Universitätsstadt" Alfred Bock lgeb. 1859 irr Gießen) ist auf dem Gebiet der Literatur kein Neuling mehr. Er ist der erste gewesen, der mit seinem Schauspiel „Der Gymnasialdirektvr" (1895), das an die bekannte Affäre der „Schiller'schen Räuber" in Gießen anknüpft, die Schule auf die Bühne gebracht hat, und ist somit ein interessanter Vorläufer eines Max Dreyer und Otto Ernst. Wuchs schon diese Arbeit ganz aus heimischem Boden hervor, und trugen schon seine Novellen „Wo die Straßen enger werden" (1898) vorwiegend heimathlichen Charakter, so hat er sich jetzt, da die Parole „Heimathkunst" allent ­ halben ertönt, mit den beiden Romanen „Die Pflaster-