312 Unsere heimische Landschaft hat eigentlich nur selten Kasseler Maler zur Wiedergabe inspirirt. Auswärtige Landschafter, so uanleutlich der Karls ­ ruher Schirmer, verstanden den Habichtswald mit seinen herrlichen Bäumen besser auszunutzen. Das bedeutendste Talent unter den Kasseler Landschaftsmalern war Fr. Müller, der „rothe Müller" genannt. Nach längerem Aufenthalt in Italien und Sicilien kehrte er zu dauerndem Aufenthalt in den vierziger Jahren in die Heimath zurück. Die meisterhaften Studien und Skizzen, die er aus dem Süden mitgebracht hatte unb zu Bildern verwerthen wollte, ließen Vorzügliches'erwarten, man glaubte schon in ihm den ersten deutschen Landschaftsmaler zu sehen. Diese Erwartungen wurden nicht erfüllt. Dem jovialen und geist ­ vollen Künstler behagten die heimischen Kunst ­ zustände nicht. Auch ihm wurde keine Förderung, und er war nicht charakterstark genug, sich ganz der Arbeit hinzugeben. Ein . leidenschaftlicher Jäger, und dem Kneipenleben mit bewundernden Genossen mehr als billig ergeben, verlernte er allmählich das Arbeiten. Welches Talent in ihm verloren ging, zeigte unter andern das herrliche Waldbild „der heilige Hubertus". Einen ge ­ fürchteten Ruf hatte sich Müller als Karrikaturen- zeichner erworben. An den Wänden seines Ateliers sah man eine Reihe von bekannten Persönlichkeiten, humoristisch verzerrt gezeichnet, in frappanter Ähnlichkeit. Den Radmantel malerisch um die Schulter geschlagen, den Hut schief auf dem Kopf sitzend, war der „rothe Müller" eine der bekanntesten Persönlichkeiten unserer Stadt. Noch einmal, schon in reiferem Alter, entschloß sich der Künstler, nach München zu gehen, um in der Kunststadt sich selbst wiederzufinden. Es war zu spät. So gern ihm die dortigen ©cnoffcit zur Seite stehen wollten — es war ihm nicht zu helfen, man ließ ihn fallen. Zum Lehrer der Landschaftsmalerei wurde bei der Reorganisation der Akademie der in Düssel ­ dorf lebende Kasseler August Brom eis berufen, ein ernster, in strenger Schule gebildeter Künstler. Aus seinem langjährigen Aufenthalt in Italien datiren eine große Anzahl meisterhafter Schilde ­ rungen des klassischen Bodens. Mit dem Blick des echten Künstlers wußte er in seinen Bildern das plastische Element in der Landschaft hervor ­ zuheben, eine harmonische Linienführung zu er ­ zielen, die seine Gemälde, indem sie ihnen ein vornehmes Gepräge giebt, weit über die Masse des damals Gebotenen erhebt, wenn man ihnen auch den leisen Vorwurf der Härte nicht ersparen kann. In die Heimath zurückgekehrt, wendete sich der unermüdlich thätige Mann der deutschen Landschaft zu. Immer großartig in der Auf ­ fassung, innner vornehm ist der Meister auch in diesen Bildern, nur ist ihm die Form stets Haupt ­ sache, der Zauber der Farbe stand ihm weniger zu Gebote. Mit ganz besonderer Meisterschaft wußte Bromeis seine Landschaften mit Figuren, Menschen und Thieren zu beleben. In dem schmalen Hause am Steinweg, in welchem sich vor Jahren der Echtermeyer'sche Gipsfigurenladen befand, das Geburtshaus unseres gefeierten Bildhauers, hatte sich vor nun bald fünfzig Jahren eine kleine Künstlergruppe den nach der Aue zu liegenden Raum als Atelier gemiethet. Ueberbescheiden war dieser Raum, den man über den engen Hof, eine steile dunkle Treppe erklimmend, erreichte. Aber was that's! Jung, gesund und hosfnungssrendig, in Freund ­ schaft verbunden, arbeiteten da der Bildhauer Gustav Kaupert und die Maler Gunkel und Des Coudres. Von Kaupert, dem Schüler Henschel's und später Schwanthal er's, der zu den nam ­ haftesten deutschen Bildhauern zählt, sind zahl ­ reiche Werke im Privatbesitz, außer diesen eine seiner schönsten Schöpfungen der Löwe in der Karlsaue. Nach längerem Aufenthalt in Nom wurde ihm eine Professur an der Kunstschule in Frankfurt a. M. übertragen. Kaupert's älterer Bruder Werner, der Gold ­ arbeiter, ein wahrer Künstler in seinem Fach, wenn man ihn Morgens in seiner Werkstattstracht ans seinem bescheidenen Häuschen treten sah, um vor Beginn der Arbeit einen Gang durch die Aue zu machen, erinnerte unwillkürlich an die be ­ rühmten Meister Handwerker, Peter Bischer und Adam Kr afft, die neben Albrecht Dürer den Ruhm Nürnbergs bildeten. Des Coudres, in München gebildet, ein langsam arbeitender, peinlich gewissenhafter Künstler, wählte zur Darstellung, einer gewissen Zeitrichtung folgend, Scenen aus der deutschen Heldensage. In strengster Selbstkritik konnte er sich nie genug thun und machte unzählige Vorstudien zu feinem Bilde, in denen er, wie seine Freunde scherzhaft sagten, das beste Feuer verpuffte. Ein ehrenvoller Ruf brachte ihn an die Kunstschule nach Karls ­ ruhe. Aus dürftigen Verhältnissen sich mühsam empor ­ arbeitend, hatte W. Gunkel durch sein Talent und seinen eisernen Fleiß die Achtung und An ­ erkennung seiner Lehrer und Kunstgenossen er ­ worben. Es war sein Ehrgeiz, Historienmaler in großem Stil zu werden. Anspruchslos in seinem äußeren Auftreten, Entbehrungen mit philosophischem Gleichmuth ertragend, lebte er