151 „Mir aber gäbest Du des Liedes Kraft, Mich zu befrei'« von allzu heißen Gluthcn, Von wilder Noth und sel'ger Leidenschaft, Tie uns'res Leibes schwachen Bau durchfluthen." Es ist ein bescheidener, einfacher Titel, den sie ihren neuen Liedern gegeben hat. Aber welche Fülle von Schönheit umschließt der Name. Es ist ein Buch voll weicher, inniger Melodik, ein Buch von unsagbarer Schöne. Da sind Perlen, die selten sind, Lieder, die sofort in uns wirken, die den Leser berauschen, sich leise, ob man will oder nicht, in's Herz einschmeicheln, die in uns klingen und singen, itvch lange nachher, als ob wir sie eben erst gehört hätten. Wohllautende, flüssige Musik steckt in allen ihren Liedern, und ich bitt überzeugt, daß manche direkt zu Volksliedern würden, wenn sie in die richtigen Hände sielen. Eittige darin sind so wunderbar sein und abgetönt, daß ich sie immer vor mich hinsagen möchte. Ein gottbegnadetes lyrisches Talent verrieth schon der erste Band ihrer Gedichte (Leipzig, 1898; 7. Anst. 1900). In noch hervorragenderem Maße zeigen es ihre neuen Gedichte. Ein erhebliches Fortschreiten ist unverkennbar. Zwar von einer- eigentlichen Entwicklung kann keine Rede bei ihr sein. Sie trat als ausgereifte Dichterin auf den Plan, nachdem sie ihre frühesten Erzeugnisse, etwa 150 an Zahl, vernichtet hatte. Nur in der noch hier und da ungeübten Form ließ sich ein Entwicklungs ­ gang bei ihr konstatiren. Hingegen ist in ihrer neuen Sammlung das Stoffgebiet erheblich erweitert, die Gedankenfvlge ist stetiger, die Diktion ab ­ geklärter, reiner geworden. Ihre ganze Poesie gemahnt mich an einen seltenen Herbsttag: mild, sonnig, klar, tiefes Glücksgesühl in uns weckend, und doch liegt schon eine leise Ahnung des Winters, des Todes darüber. Die sonnigen Sommertage sind vorüber mit ihrem leuchtenden Glück; die Dichterin hat einen großen Schmerz hinter sich, er ist zwar noch nicht ganz verwunden, aber er hat sie stärker und reifer gemacht. Ganz besonders ist an ihrem neuen Buch die gerade^: staunenswerthe Glätte und Sauberkeit der Form zu rühmen. Aus 273 Seiten ist mir kein einziger das Ohr beleidigender Reim oder eine sonstige Härte im Ausdruck aufgefallen. Nur in einem Punkt theile ich nicht ihren Ge ­ schmack. Das sind die sich sehr häufenden Di- minutiva: „Wölkchen", „Bäckchen", „Nestchen", „Röckchen" und ähnliche „Kosewörtchen". Besonders in den sonst so grandios durchgeführte!: Natur ­ stimmungsbildern verfehlen sie völlig ihre Wirkung, und gar im Reim sie anzuwenden, wie es sich einmal findet (S. 134), scheint mir nicht sehr- geschmackvoll. Den Rhythmus beherrscht die Künst ­ lerin mit einer Meisterschaft, wie ich sie außer bei Goethe nirgends in solchem Maße erreicht finde. In Gedichten wie „Sieg der Lust", „Wanderer im Nebel", „Die Windsbraut", „Sturm ­ nacht", „Schlittenfahrt" versteht sie es trefflich, den freien, natürlichen Rhythmus des augenblicklichen Affekts zu binden, ohne ihn irgend zu zwingen. Nur vollendete Sprachbeherrschung und feinstes musika ­ lisches Empfinden ermöglichen eine solche Technik. Zweifellos ist sie in dieser Beziehung formell von ihrem großen Vorbild Goethe inspirirt. Auch inhaltlich ist sie von ihm nicht ganz unabhängig. Die Situation in „Sieg der Lust" und „Erlösung" erinnert leise an die Hexenküche im „Faust", in ersterem Gedicht klingt auch „Ueber allen Wipfeln ist Ruh" ziemlich deutlich herein: „Spürst Du der Flammen verzehrenden Hauch? Bälde, ach. balde packt sie Dich auch." Das sind unbewußte Anklänge, für die sie nichts kann, vielmehr beweist die Abhängigkeit gerade von Goethe, daß sie ihm wesensverwandt ist. Kleine Dichter haben ihn nie nachgeahmt, weil sie dem Fluge seines Genius nicht folgen konnten. Anna Ritter ist eine große Goethe ­ verehrerin, sie beschäftigt sich täglich mit ihm, und sie liest ihn mit immer wachsendem Interesse. In einem Gespräche beklagte sie einmal, daß das Leben so kurz sei, allein um Goethe eindringender kennen und verstehen zu lernen, wünsche sie. daß ihr Leben noch mal sv lang sei. Das ist cha ­ rakteristisch für sie. Auch hat sie in einem ihrer Gedichte „Auf dem Goethe weg zum Torf ­ haus" dem Altmeister ein herrliches Denkmal gesetzt: „Weit hinter mir. von Nebeln eingehüllt, Liegt nun der Gipfel, der auch Dich empfangen! Dieselben Wege, die Du einst gegangen, Befreiung suchend, fern der lauten Welt, Beschreit' ich nun, und meinen Pfad erhellt Dieselbe Sonne, die Dein Haupt umfangen. .Du bist mir nah', ein still' Gedenken füllt Das Herz mir ans: Durch dieses Waldes Schweigen Seh' ich Dich einsam, kraftvoll aufwärts steigen: — ans weiß verbrämten Bogen Trittst Dn hervor, ein dunkler Mantel wallt Um Deines Leibes blühende Gestalt. Du hast den Hut tief in die Stirn gezogen. Als wolltest Tu. ganz in Dich selbst versenkt. Bon keinem Bild der Erde abgelenkt. Hinunter steigen in Dein eigen Leben, Den Räthselschatz der Tiefe aufzuheben." — Anna Ritter ist eine Dichterin, die alle Stiin- mungen, selbst die feinsten und flüchtigsten, zu haschen und zu halten weiß. Für alle, auch die unbedeutendsten Empfindungen findet sie den rechten Ton. Unter den 183 Gedichten findet