99 Durch die Aufnahme eines Theiles der von dem allerchristlichsten König aus ihrer Heimath ver ­ triebenen Hugenotten in Hessen waren dem Landesherrn neue Aufgaben erwachsen; sowohl in seiner Hauptstadt gründete er einen neuen Stadttheil für jene in sein Land geflüchteten Franzosen, wie eine Anzahl kleinerer Kolonien derselben an verschiedenen Orten Hessens ange ­ siedelt wurden. Die Thätigkeit des Landgrafen wurde daher in den nächsten Monaten stark in Anspruch genommen. Der Fürst entfaltete, außer den bezeichneten Werkeii des Friedens, kräftige Sorge für seine Heeresmacht, die in dem Feld ­ zug Don 1692 wiederum bedeutende Verluste er ­ litten hatte. Als Kreisobrist des oberrheinischen Kreises fühlte Laiidgraf Karl dem Reiche gegen- über eine besonders hohe Verantwortung, und ei- bemühte sich, seine in dem Wirrwarr der Reichs ­ verfassung höchst schwierige. Stellung gewissenhaft und kräftig auszufüllen. Wir werden noch in diesem Jahre 1692 ein herrliches Beispiel kennen lernen, wie dieser Fürst und sein hessisches Kriegsvolk eine Probe von Heldenmuth gaben. — (Fortsetzung folgt.) Revanche für Speierbach. eine Soldaten=6eid)icbte von Ludwig lHobr. (Fortsetzung.) 2. Wochen waren bereits hingegangen, ohne daß Fritz von dem Werktisch vor dem kleinen Fenster der Urbanstchen Werkstatt sortgekommen wäre, als der Meister ihn eines Morgens zum Schmieren der Uhren mit ans den Thurm nahm. Wäre der Uhrmacher etwas weniger in seine handwerksmäßige Beschäftigung vertieft gewesen, so hätte ihm die Freude der beiden jungen Menschen bei dem unverhofften Wiedersehen auffallen müssen. Aber der Meister hatte zu viel das Räderwerk seiner Uhr im Auge, als daß er die glück ­ strahlenden Augen und die gerötheten Wangen der Kinder hätte bemerken sollen, und nun gar, als er die Beiden mit der Fritz ertheilten Weisung allein ließ: „Packe das Geschirr zusammen und warte meiner, indessen ich dem alten Merkel die Tages ­ zeit zuspreche." Das war der Augenblick, wo sich die Beiden ungestört unterhalten und mittheilend ihr Herz erleichtern konnten. Agathe erzählte, wie es ihr jetzt so einsam hier oben sei, und wie sie sich tag ­ täglich gewünscht habe, ihn einmal wiederzusehen. Der Knabe führte sie dagegen an die Brüstung der Altane, deutete hinüber aus die altersgrauen Dächer, zeigte ihr aus dem gerade gegenüber liegenden das kleine Dachsensterchen und erzählte ihr dabei, wie er säst jeden Tag in den Mittags ­ stunden von dort herausgeschaut, und wie er sich jedes Mal gefreut habe, wenn durch die Zwischen ­ räume der Geländerpfosten etwas Helles, das er für ihr Kattunkleid gehalten habe, geschimmert hätte. Wie er das gethan, wenn Abends der Mond wie ein großer Silberknops über der Thurm ­ spitze gestanden und die Sternlein freundlich darüber geblinkt Hütten. Und er bat sie, und sie versprach ihm, zur Mittagsstunde von diesem Platze aus öfters herunterzuschauen, und er gelobte, treue Wacht zu halten aus seinem Posten und, sobald es gehen werde, wieder ans dem Thurm zu sein. So verplauderten die Kinder die paar Minuten ihres Alleinseins, bis Meister Urban's polternder Schritt erdröhnte, und seine rauhe Stimme zum Aufbruch mahnte. Bon dieser Stunde an mußte der Lehrbube seinen Meister stets aus dessen Gängen zur Thurm ­ uhr begleiten; denn es galt dem Alten, seinen lernbegierigen Schüler auch in diesen Theil seines Gewerbes einzuführen. Und lernbegierig war Fritz ; nie hat wohl ein Meister einen eifrigeren Lehrling unterwiesen, als den Meister Urban's, den so verschrieenen Allerweltswildfang, Kantors Fritz. Auch sonst schien der Knabe wie umgewandelt. Nie sah man ihn Abends mit seinesgleichen die Gassen des Städtchens durchstreifen, wie diese es zum Leidwesen von Eltern und Lehrherrn thaten. Er hielt sich still daheim und machte zusehends Fortschritte in seinem Handwerke. Mittlerweile kehrte der Winter in das Land und mit ihm das Zipperlein bei Meister Urban ein. Da war es bei dem Alten mit dem Thurmgehen aus, er war genöthigt, das Ausziehen, Reguliren und Schmieren der Thurmuhr seinem Lehrling allein zu überlassen. Auch hatte er das nie zu bereuen, denn keine Klage über die Uhr ward während seiner Krankheit im Städtchen laut. Da ­ durch stieg Fritz so in seiner Gunst, daß er ihm diesen Geschäftszweig auch nach seiner Genesung