166 Zur Abwehr! Von Dr. Otto Ger la nb, Hildesheiin. ein Mann wie Beyschlag Erinne- HM rangen ans seinem Leben veröffentlicht*), T so bedarf es gar keiner Bemerkung, dass uns damit etwas Hervorragendes, ein hoher geistiger Genuß geboten wird, und da der Herr Verfasser als geborener Frankfurter viele Be ­ stehungen zu Hessen hatte, so bietet das Buch selbstverständlich auch vieles für beide Hesse» Interessantes. Auch die kirchlichen Kämpfe, die Beyschlag während der Ausübung des Pfarramts nicht erspart worden sind, klingen lebhaft an die Kümpfe an, welche auch unsere knrhessische Kirche in jener Zeit lebhaft bewegt haben. Aber der geehrte Herr Verfasser wolle es nicht verargen, wenn wir als Kurhessen in einigen Punkten seinen Darstellungen zu widersprechen gezwungen sind. So erzählt er Seite 132, als er im Oktober 1842 durch Kassel reiste: „Wir hatten einen halben Tag zu warten, besuchten die schöne Ge ­ mäldesammlung, hatten aber im klebrigen von der kurfürstlichen Residenz üble Eindrücke. Auf den Straßen schleiften noch Strafgefangene ihre Kugeln, ans dem Schloßplatz stand das Marmor ­ bild des landesherrlichen Seelenverkäufers aus dem vorigen Jahrhundert mit der Inschrist Pater patriae". Hier sind ihm zwei Irrthümer in einem Satze begegnet. Richtig ist es, daß die sogenannten Eisen ­ ge f a n g e n e n damals noch die Straßen fegten, die militärischen Wachtlokale reinigten n. s. w. und dazu über die Straßen geführt wurden, wobei sie die Eisen an den Beinen trugen, an denen sie in den Zellen angeschlossen werden konnten. Kugeln schleppte aber keiner nach, das wäre auch bei den zum Theil weiten Entfernungen, durch die sie geführt wurden, und den Arbeiten, die sie zu verrichten hatten, unmöglich gewesen. Das Kugel- schleppen, auch an öffentlichen Orten, kam in anderen Staaten vor, in Kurhessen nicht. *) Bey s ch lag. Willibald: Ans wcimm Leven. Erinnerungen und Erfahrungen der jüngeren Jahre. Halle a. S. 1896. lind dann wieder der landesherrliche Seelenverkäufer, dessen Standbild der Herr Verfasser ans dem Schloßplatz. d. h. ans dem Friedrichsplatz, gesehen hat! Es mag ja sein, daß dem Herrn Verfasser damals als Student die Sage von dem angeblichen Verkauf der Hessen nach Amerika noch geläufig war, in ­ zwischen aber ist so vielmal das Gegentheil nach ­ gewiesen worden, daß man wohl hätte annehmen dürfen, in einem so hervorragenden Werke dieser kränkenden Fabel nicht wieder begegnen zu müssen. Wie oft soll mair denn nachweisen, daß der Land ­ graf gerade durch seine Landstände und trotz seiner persönlichen Abneigung veranlaßt worden ist, den Subsidienvertrag mit England abzuschließen, wie das verschiedene andere deutsche Staaten auch thaten; würde uns ein solcher Vertrag, Gott sei Dank, auch heute unglaublich erscheinen, den damaligen Anschauungen entsprach er, und man darf Menschen vergangener Zeiten nur nach den Ver ­ hältnissen beurtheilen, unter denen sie lebten, wenn man gerecht urtheilen will. Den Namen „.Pater patriae“ — der Vater des Vaterlandes — verdiente aber Landgraf Friedrich II. ohne jede Schmeichelei. Wohl war er in seiner Jugend durch die Jesuiten, denen er in Paris in die Hände gerathen war, zum kkebertritt zur katho ­ lischen Religion veranlaßt worden, sein Land aber hat er dies nie empfinden lassen. Dagegen hat er sich die größte Mühe gegeben, die schweren Wunden, welche der siebenjährige Krieg Hessen geschlagen hatte, zu heilen und sein Land überhaupt möglichst zu fördern, durch Hebung der Industrie, durch Förderung der Landwirthschaft, durch Errichtung höherer Lehranstalten, z. B. des Lyceum Fri ­ st erician um und der Akademie der bil ­ denden Künste, durch Anspornung zu ge ­ schmackvollen Bauten, wobei er selbst mit gutem Beispiel voranging, durch Gründung des Kasseler Museums, durch Wiederanbau der im Krieg verödeten Ländereien n. s. w. Ein solcher Mann verdiente allerdings die Bezeichnung Vater des Vaterlandes. Daß er nach den damals Herr-