45 liegt ausgebreitet in malerischer Schönheit vor uns. Trunken schweift der Blick über weite gesegnete Feldfluren, nuS denen die rothen Dächer von mehr als 25 mit Obstgärten umgebenen Dörfern hervorleuchten, in der Ferne zeigen sich ansehnliche Gebirgszüge uub prächtige Wälder, tief unter uns ist das romantische Thal der Werra, kurz, eine Fülle von Schönheiten, die sich besser empfinden als beschreiben läßt. Im Norden find die Thürme der Musenstadt Göttin gen zu erkennen, rechts zur Seite zeigen sich die Trümmer der Plesse, daneben die Gleichen, und zwei tafelförmige Berge, der Sonnenftein unbdas Ohmgebirge. Zwischen ihnen befindet sich eine tiefe Einsenknng, die Porta Eichsfeldiea, weiter im Vordergründe zieht die runde jetzt bewaldete Kuppe des R ust e- b erg es, auf dem einst die Ahnen der Herren von Honstein als mainzische Vicedomini iAmt ­ männer) gewaltet, die Blicke an, an seinem Abhange liegt der freundliche Ort Marth. Zwischen dem Rusteberg und Hengsten borg erhebt, als gewaltiger Hintergrund, der Brocken sein ehrwürdiges Haupt, bei hellem Wetter spiegeln die Fenster des Brockenthnrmes herüber; die anderen Berge des Harzes bis zu dem Ravens- topf schließen sich ihm an. Gegen Osten öffnen sich zwei Thäler, das eine nördlichere mit dem Dorfe Born Hagen un ­ mittelbar vor uns und den weiteren sieben Sitzen der Familie am Stein x. in der Richtung nach H e i l i g e n st a d t und den: D u e n g e b i r g e, das andere südlichere, in dessen Eingang sich das Dorf G e r b e r s h a u f e n befindet, fchnüegt sich zwischen Henneseste und Hö heb erg hindurch. Im Süden wird die Aussicht von dem nahen mit prächtigem Buchenhvchwald bestandenen Höhe ­ berg begrenzt, zur Seite steigt der sagenberühmte Helsensberg mit seiner Wallfahrtskapelle empor, und der zackige Rücken mit der ehemaligen Reichsveste Bohnebnrg weckt die Erinnerung an das Geschlecht, dem der Landsknechtoberst Karl's V., Kurt von Bvhnebilrg sBemelbergl, „der kleine Heß"*), der 1527 die ewige Stadt R o m erstürmte, entsprossen ist. In blauer duftiger Ferne ist der Jnselsberg mit den anderen Höhen des Thüringer Waldes sichtbar. In der Tiefe blinkt der Werrastrom : über ihm lagert der stolzeste Berg im Hessenlande, der Meißner. Aber der alte Bekannte zeigt uns hier ein neues Gesicht, statt des einzigen Plateaus erheben sich zwei übereinander, das eine als Eckpfeiler vorspringend: die Kalbe, das andere uns nähere und höhere: die Kasseler Kuppe. Nach Westen schließt sich die Bergkette des Kanfung er Waldes in mannigfachen Er ­ hebungen, wovon der Bilstein die höchste ist, an. Zwischen ihm und den Ausläufern des Eichsseldes, dem H v h e n H a g e n und der spitzen Pyramide der Brackenburg, glitzert die Werra gleich einem silbernen Bande, das gegenüber den Rivaleu, den Lndwigsstein, nmschlingt und weiter hinab das freundliche Städtchen Witzenhanfen umzieht. Sehr hübsch unten in der Schlucht eingebettet liegt das Torf Werleshausen. Wenden wir uns nun zurück zu unserem Standpunkte: welchen Gegensatz zu dein lebens ­ vollen lachenden Bild, das wir eben beschrieben, bilden die um uns befindlichen grauen Trüminer der Vergangenheit; die dachlosen zerbröckelnden Mauern sprechen eine beredte Sprache voll der Vergänglichkeit aller Menschenwerke. Wo sind die eisenbekleideten Ritter, deren Auge vor Kampf ­ lust blitzte, deren Mund mit Hellem Kriegsrns den Feind herausforderte? Starr und stumm sind sie, die im Leben keine Ruhe kannten, ans den Kirchhöfen hier unter uns zu ewigem Frieden gebettet. — Tiefe Stille, das Schweigen des Todes, umfängt uns, nur unterbrochen von dein Heulen des Sturmes, der an den Mauern rüttelt, sich in deii Eckeil und Winkeln säiigt, bis das Zerstöriliigswerk bollendek ist. Lichtscheue Böget, Eulen Mid Dohlen, erhebeil sich ausgescheilcht ans ihren Schlupfwinkeln unb umkreisen schreiend den einsamen Besucher. — (Hortseimiig folgt.» *) S. Aufsatz v. E. Strudel l, „Irssmlaud" 1 ss<), 3. ff- Die MüttLewkmui. Von ^sirnenglanz und Aetherwellen sanft nmblant, Träuint einsam in dem Eispalast die wintersbraut. Ein blitzend Diadem umstrahlt das schöne Weib, Und weißer Hermelin un:schn:iegt den zarten Leib. Doch fröstelnd zuckt zuin Herzen ihre kalte band, — Da flattern Stcmbiem rings von: stock'gen Helzgewand. Eie seufzt und schaut erwartungsvoll in's Thal, Ihr wird so bang! — wann holt er sie als traut Gemahl? Und spähend streift ein Mövenschwarm das schal entlang, Und ladend ruft zum Fest Lawinendonnerklang. — In Lichtesschimmer gleißt wie Gold der schmucke Saal, Es blinkt der Gletscherwein im grünen Eispokal. Am Thore lauscht die Braut von Hosfnungsdrang beseelt, Der Elsenreigen rvogt, doch einer, — einer fehlt! — Jur Eispalast von Aetherwellen sanft unrblaut wräuiut einsän: klagend die verlass'ne wintersbraut. Und wenn das erste Veilchen lugt aus blinken: Schnee, Ierfließt :n Hellen Thränen sie vor Leid und weh. Kranz M. Utlcrsctn'id.