279 Leistungsfähigkeit in den letzten Jahrzehnten ganz bedeutend zu Ungunsten der Kasseler Bibliothek verschoben*). Die erste Bibliotheksordnung ist, nach einem Ent ­ wurf von 1560**), 1564 erlassen worden; im selben Jahre, in dem nach der kurzen kommissarischen Verwaltung der Bibliothek durch Professor Joh. Oldendorp (von 1558 an) der ordentliche Professor der Logik Lonicerus zum Bibliothekar im Nebenamt mit 20 st. Jahresgehalt und Dienst ­ wohnung ernannt wurde. Unter ihm wurde nicht nur das Rechnungswesen geregelt (1571) und von der Regierung spezielle Jnventarisirung der An ­ schaffungen gefordert, sondern auch der erste, jetzt verlorene Katalog aus Befehl Wilhelm's IV. her ­ gestellt (1578). Der älteste (in Gießen) erhaltene Katalog der Marburger Bibliothek stammt von 1606; er liegt dem Katalog von 1653, der bis in dieses Jahrhundert maßgebend geblieben ist, zu Grunde, wie die Bibliotheksordnung von 1564 der von 1653. Es ist bekannt, daß von 1650 bis 1653 die Universitätsbibliothek zwischen Hessen- Kassel und Hessen-Darmstadt getheilt wurde; erst seitdem führen die Schwesterinstitute in Marburg und Gießen ein gesondertes Dasein. Zedler hätte bei diesem bedeutsamen Ereigniß wohl einen größeren Abschnitt machen können.***) Aus der Folgezeit ist wichtig für die Entwickelung der Bibliothek 1) die Erhöhung des Verlags durch Zuweisung von Examens- und Jmmatrikulations- geldern (1687 und 1701); 2) die Verpflichtung der Marburger Buchdrucker und Verleger zur Abgabe je eines Exemplars ihrer Verlagswerke an die Uni ­ versitätsbibliothek (1748), eine Bestimmung, die 1829 aus ganz Kurhessen zu Gunsten der Kasseler Landes ­ und der Marburger Universitätsbibliothek ausgedehnt wurde. Endlich 3) wurde durch Landgraf Karl 1680 auch den Studenten gestattet, Bücher nach Hause zu entleihen und seit 1685 die Bibliothek an einem Wochentage auch dem übrigen Publikum geöffnet. Die zweite Periode ist charakterisirt durch die zahlreichen Schenkungen, Vermächtnisse und Ueber- weisungen von ganzen privaten und öffentlichen Bibliotheken: so gingen die Bibliotheken der *) Nach dem neuesten Stand (vergl. Minerva, Jahr ­ buch der gelehrten Welt, 5. Jahrg. 1895/96) stellen sich hinsichtlich des Verlags die Ziffern für die vier großen hessischen Bibliotheken folgendermaßen: Marburger Universitätsbibliothek ... 22 054 Mk. Großherzogliche Hofbibliothek in Darmstadt 19 457,46 „ Gießener Universitätsbibliothek . . . . 18 100 „ Ständische Landesbibliothek in Kassel . .11 000 „ **) S. 16, Z. 19 v. o. Druckfehler: 1560 statt 1660. ***) S. 35 Z. 2 v. o. ist zu lesen Nordshausen statt Nordhausen. Professoren Estor, Borell, Duysing, Michaelis, Schröder in das Eigenthum der Universitätsbibliothek über, und in der westfälischen Zeit wurden ihr einverleibt die Bibliotheken von Üucklum, Corvey, Helmstedt, Rinteln, Wolsenbüttel theils im Ganzen, theils in Theilen; Vergrößerungen, die eine ganz neue Zeit herbeiführten, indem sie die Anstellung weiterer Beamten nöthig machten, neue Baupläne reisen ließen imb die Katalogarbeiteil mächtig förderten. Der Realkatalog wurde in Angriff ge ­ nommen und 1820 vollendet: 20 Hauptfächer in 16 Foliobänden, eine Eintheilung, die heute uoch in Kraft ist. Vortrefflich und einzigartig ist namentlich der in Zettelsorm angelegte Nominal ­ und Schlagwortkatalog der Dissertationen und Programme, den die Marburger Bibliothek seit den 20 er Jahren besitzt. Interessant wäre es gewesen festzustellen, ob und welcher auswärtige Einfluß bei der Ordnung und Katalogisirung der Marburger Bibliothek etwa sich früher bemerkbar gemacht hat. <Diese Katalogarbeiten kommen namentlich aus Rechnung Rehm's (1820—1847). Auch eine neue Bibliotheksordnung wurde 1826 erlassen und die Benutzungszeit seit 1848 erweitert; 1831 eine aus Mitgliedern der vier Fakultäten bestehende Bibliothekskommission für Neuanschaffungen den Bibliothekaren zur Seite gesetzt, die ihr fragwürdiges Dasein bis 1887 gefristet hat. Dieses Jahr, mit dem Zedler abbricht, beginnt eine neue Periode für die Universitätsbibliothek, indem damals nach dem 1886 erfolgten Tode des Oberbibliothekars Professor Dr. C. I. Cäsar die durch die bedeutende Entwickelung und vermehrten Interessen der Bibliothek schon längst geforderte nebenamtliche Verwaltung der Bibliothek durch einen Professor aufhörte und in dem Oberbibliothekar der Königs ­ berger Universitätsbibliothek Dr. Joh. Rödiger dem altehrwürdigen gelehrten Institut ein gänzlich selbständiger Leiter gegeben wurde. Beigegeben ist am Ende eine Uebersicht über die Beamten und den Personal-Etat, über den Büchersonds und ein sehr gewissenhaft gearbeitetes Sachregister. Zedler's Werk füllt nicht nur eine empfindliche Lücke in der hessischen Gelehrtengeschichte aus. Es ist zugleich eine hochersreuliche Frucht der so entschieden aufstrebenden Bibliothekswissenschaft, und ebenso wie der vaterländische Geschichtsforscher wird sich auch der Bibliotheksbeamte dem Herrn Verfasser zu lebhaftem Danke verbunden wissen müssen. Man darf behaupten, daß der großen Masse selbst des gebildeten Publikums das Leben und Weben einer Bibliothek, ihre Entwickelung und ihre Bedürfnisse, von speziell technischen Dingen ganz zu schweigen, noch heute eine terra incognita