204 der Verhältnisse. Denn es läßt sich nicht leugnen, daß er in dem Abkommen, das er nun noch irtj ersten Jahre seiner Regierung mit Darmstadt schloß, sich nachgiebiger zeigte, als man erwarten durfte. Ju Darmstadt war inzwischen Georg II. seinenl Vater Ludwig in der Regierung gefolgt. Mit ihm, der an Klugheit und festem Willen dem tüchtigen Vater nicht nachstand und im Uebrigen, gleich diesem, während der ganzen Folge? zeit, auch unter widrigen Umständen, wie an ­ erkannt werden muß, dem Kaiser ergeben blieb, schloß Wilhelm zu gänzlicher Beilegung des Mar ­ burgischen Erbschaftsstreites im September 1627 neben ausführendenNebeuverträgen den sog. Ha upt- akkord, einen Vertrag, der, so sehr er zwar für den Augenblick auch von Kassel gefeiert wurde, doch für das Haus Hessen-Kassel den Stachel harter Unbilligkeit in sich trug, der sich bald fühl ­ bar machen mußte. Seine wesentlichen Be ­ stimmungen gingen dahin, daß Hessen-Kassel end- giltig auf Oberhessen verzichtete und zudem, das war die größte Härte, die ganze Niedergrafschaft Katzenelnbogen, die schonen Besitzungen am Rhein mit der wichtigen Feste Rheinfels, an Darmstadt abtrat. Darmstadt dagegen räumte den Pfand ­ besitz von Niederhessen und verzichtete auf seine Forderung wegen der aus dem Marburger Land gezogenen Nutzungen bis auf die Summe von 100 000 Gulden, wegen deren Schmalkalden in seinem Psandbesitz verblieb. Die Giltigkeit des Vertrages war bedingt, allster durch die Genehmigung von Wilhelm's Stiefmutter und Stiefbruder Hermann, die ertheilt wurden, durch die Genehinigung seines Vaters und die Bestätigung des Kaisers. Land ­ graf Moritz verweigerte nicht nur seine Zustimmung, sondern protestirte in feierlicher Forin für sich und seine junge Herrschaft, Wilhelm's Geschwister, gegen die gefährliche vermeinte Pazisikativn. Wilhelm und Georg beschlossen darailf, von der Genehmigung Moritzens abzusehen, und erwirkten die Bestätigung des Kaisers durch die wohl nicht ganz der Wahrheit und nicht ganz der Sohnes ­ pflicht Wilhelm's entsprechende Vorstellung, daß der alte Landgraf in einem Gemüthszustand sei, worin er zu bedächtigen und richtigen Resolutionen nicht mehr gelangen könne. Der Vertrag wurde hiernüchst im Frühjahr 1628 in gemeinsamer Versammlung der Stände beider Länder im Schloß zu Kassel durch feierliche Eide beider Land ­ grafen bestätigt. Das war der erste, verlustreiche Schritt auf dem Leidensweg des jungen Fürsten. Es darf nach ihrem späteren Auftreten bezweifelt werden, daß seine Gemahlin, deren Einfluß in politischen Dingen bei anderen Gelegenheiten schon um diese Zeit sich bemerkbar machte, dem Vertrag ihren Bei ­ fall gegeben habe, dessen grundlegende Beredungen Wilhelm allein in Darmstadt getroffen hatte. Das Jahr 1628 brachte deil erneuten Verlust Hersfelds. Nach Tilly's Abzug von Hessen wieder besetzt, infolgedessen auch Wilhelm und Amelia in 1626 und 1627 wieder vorübergehend dort Wohnung genommen hatten, wurden Stift und Stadt von den Kommissaren des Erzbischofs von Mainz für den zuin neuen Administator ernannten Sohn des Kaisers, Erzherzog Leopold Wilhelm, in Besitz genommen, zur selben Zeit, wo Land ­ graf Wilhelm, um dem Kaiser seine Ehrfurcht zu bezeigen und Erleichterungen in den Kriegslasten für sein Land zu erbitten, am kaiserlichen Hof ­ lager in Prag weilte und gütig dort aufgenommen worden war. Man ging jetzt in Hersfeld mit größter Entschiedenheit vor und glaubte offenbar, endgiltige Zustünde schaffen zu können. Die evangelischen Geistlichen der Stadt wurden ent ­ lassen und Stift und Stadt durch herbeigerufene Jesuiten und fuldische Franziskaner der katholischen Gegenreformation unterworfen. Der große Krieg trat jetzt au seinen ent ­ scheidenden Wendepunkt. Nicht ein militärischer Erfolg bezeichnet ihn, sondern ein politischer Machtspruch des Kaisers. Der Kaiser, nun im ganzen Reiche Sieger, erließ im Jahre 1629 das große R e st it ut i o n s ed ikt und kündigte mit ihm eine politisch-religiöse Umwälzung an, die, wenn durchgeführt, den Gesammtzustand des Reiches, wie er sich seit hundert Jahren gebildet hatte, von Grund aus verändert haben würde. Das Edikt ordnete an, daß alle seit dem Passauer Vertrag von 1552 säkularisirten geistlichen Stifter in den alten Stand restituirt werden, und weiter, daß des Augsburger Religionsfriedens nur die Bekenner der ungeänderten Augsburger Konfession theilhaftig, die Reformirten daher, was unter diesem Ausdruck verstanden war, vom Frieden ausgeschlossen sein sollten. Ein Stoß nach dem Herzen in dieser letzteren Bestimmung für die reformirten Reichsstände, denen nun, wie schon lange gedroht hatte, ihr Rechtsboden rechtsförmlich entzogen wurde, aber zugleich, in jener ersten Anordnung, ein schwerer, allgemeine Erbitterung hervorrufender Schlag für reformirte und lutherische Stände. Und nun sehen wir, wie Lutheraner und Reformirte zu gemeinsamem Handeln sich einigen. (Fortsetzung folgt.)