187 des altersschwachen Matthias anschloß. Die neue evangelische Lehre hatte inzwischen an werbender und erhaltender Kraft im Großen und Ganzen iwch keine Einbuße erlitten. Aber, leider eine echt deutsche Erscheinung, mit der äußeren Aus ­ dehnung deS Protestantismus hatte sich die Kluft zwischen den beiden protestantischen Bruderparteien fortdauernd verschärft und vertieft. Lag daher zwar der Höhepunkt der bestehenden Spannung nach wie vor in dem Gesammtgegensatz zwischen Protestantismus und Katholizismus, so war doch, wenn man das Verhältniß der sich gegenüber ­ stehenden drei Religivnsparteien zu einander näher in's Auge faßt, diese Spannung am geringsten zwischen Lutheranern und Katholiken; sie war am stärksten zwischen Katholiken und Reformirten; diesem letzteren Gegensatz aber gab, wie man bei der oft genug extremen Gehässigkeit der zwischen den beiden protestantischen Parteien gewechselten Streitschriften und angesichts vereinzelter schlimmerer Vorkommnisse nicht zweifeln kann, der Gegensatz zwischen Lutheranern und Reformirten an Stärke wohl nur wenig nach. Dabei war die prvpagirende Kraft auf religiösem, die treibende auf politischem Gebiet auf protestantischer Seite damals bei den Reformirten. Nüchternheit war der Grundzug des geistigen Lebens der Zeit vom Ende des sechzehnten Jahrhunderts ab. Die warmherzige und ebendeshalb mit Recht so genannte humanistische Periode der ersten Refvrmationszeit war ver ­ rauscht. Was die Väter und Großväter mit ihrem warmen Herzen errungen und empfunden hatten, mühten die Enkel sich ab, methodisch zu zergliedern und mehr mit den Kräften des Ver ­ standes zu erfassen. Nüchternes, wiewohl gewiß echt religiöses Empfinden ist auch der Grundzug des Calvinismus. Er befand sich daher im Bunde mit den Kräften, die das Geistesleben der Zeit beherrschten. Daher vornehmlich erklärt es sich denn wohl, daß dem Calvinismus uin diese Zeit innerhalb des protestantischen Deutsch ­ lands ein Territorium nach dein andern zufiel, daß auch er demnächst in der 1608 gegründeten protestantischen Union, diesem religiös-politischen Bund im Reiche mit dem reformirten Kurfürsten von der Pfalz an der Spitze, dein die meisten lutherischen Fürsten mit ihrein Haupt, dem Kur ­ fürsten von Sachsen, fernblieben, die politische Führung wenigstens der Mehrheit der deutschen Protestanten gewann. Mit der steigenden Macht der Reformirten aber wuchs die Abneigung ihrer Gegner. Man hatte deshalb insbesondere, und zwar sowohl auf katholischer wie lutherischer Seite, begonnen, den Reformirten das Recht zur Theil ­ nahme am Religionsfrieden überhaupt zu be ­ streiten. Und dieses Recht war nach dem Gang dcrseinerZeit in Augsburg geführten Verhandlungen in der That nicht zweifelfrei. War daher die rcformirte Konfession diejenige, welche damals am eifrigsten sich regte, so war sie zllgleich die am meisten gefährdete: ihr stand der Existenzkampf noch bevor. Grund genug für ihre Glieder, sich zu sammeln und, wie wir schon an den bisher erwähnten fürstlichen Ehebündnissen, denen nun dieses hessen-hanauische hinzutritt, dies Streben wahrnehmen konnten, enge Fühlung unter einander zu suche». Für den Calvinismus galt cs iu ganz besonderem Maße, seine Kraft zu kon- zentriren für den großen Kampf, der bevorstand, den Kampf, der zwar, jedoch nur zeitweise, Lutheraner und Calvinisteu einigte, der aber ganz wesentlich die Rechtsstellung der Reformirten ihren beiden Gegnern gegenüber auszutragen be ­ stimmt war, in dem ihnen und von ihnen der zäheste Widerstand geleistet wurde. In diesem Kampfe war dem Hause Hessen- Kassel eine wichtige, ja unter den deutschen Fürstenhäusern führende Stellung beschieden. Land ­ graf Moritz, von Jugend auf dem Calvinismus zugeneigt, hatte dem Konfessionsstand seiner hes ­ sische» Kirche, die bis dahin eine neutrale Stellung zwischen den beiden protestantischen Bekenntnissen eingenommen hatte, eine entschiedene Wendung zum Calvinismus gegeben; die niederhessischc Kirche, obwohl nie zum strengen Calvinismus vorschreitend, hat seit den Veränderungen Moritzens sich selbst stets dem reformirten Bekenntniß zu ­ gerechnet. Auf dem Hause Hessen-Kassel ruhte noch von den Zeiten Philipp's des Großmüthigen her die Tradition einer vorkämpferischen Stellung unter den protestantischen deutschen Fürstenhäusern. Und wenn das Land inzwischen getheilt worden war und nun auch konfessionell sich trennte, denn um dieselbe Zeit schloß Hessen-Darmstadt sich dem strengen Lutherthum au, so war doch die Machtstellung Hesse«-Kassels auch für sich allein im Reichsverbande keine ganz unbedeutende. Amelia Elisabeth trat daher durch ihre Ver ­ mählung an eine Stelle, der in dem bevorstehenden Kampf eine hervorragende Mitwirkung und Ver ­ antwortung zufallen mußte. Das Land Hesstn-Kafiel aber befand sich bei Ausbruch des Krieges in keineswegs sicherer Lage. Landgraf Moritz, bei glänzenden Gaben des Ver ­ standes nur zu oft Besonnenheit und Mäßigung vermissen lassend, hatte seine ealvinistischen Re ­ formen auf diejenige Hälfte des oberhessischen Landes ausgedehnt, die ihm durch Testament seines Oheims Ludwig von Hessen-Marburg im Jahre 1604 zu ­ gefallen war, und, als ihm seitens der Geistlichen