177 flotte Märsche spielend, welche vor Wochen schon ein von Seiten der Stadt dafür bezahlter Musiker mit den Knaben eingeübt hat. Die Maibüsche sind Tags zuvor von städtischen Arbeitern gehauen. Schon in alter Zeit machte die Gemeinde Grebendorf, welcher der Wald gehört, den Eschwegern das Recht, Maien zu holen, streitig. Rach einem Bericht vom Jahre 1655 hatten die. Eschweger Lehrer das Recht, jährlich zwei- oder dreimal mit ihren Schülern am Schülerbergc zur Ausschmückung der Schulzimmer so viele Maien zu holen, als diese zu tragen vermochten; die Lehrer durften dieselben sogar nachher ver ­ kaufen. In der schon oben angeführten Eingabe vom 22. August 1594 beschweren sich Bürger ­ meister und Rath von Eschwege über die Grebcn- dorfer. Darin heißt es: „Ob wol von undenk ­ lichen Jahren hero alßo vblich vnd hcrbracht, daß Unsere Schuhlmeister vnd Schühler jehrlichs ihres Gefallens vnd, so oft ihnen geliebet, ann Schühlersbergk jenseitt Grebendorfs gangen vnd Meyenpüsche oder Rutten geholet, die von Greben ­ dorfs jtzo ihnen dasselbige zu verweigern vnnter- stehen, indem sie das Gehöltz gentzlich abgestreupet oder gehawen vnd in Hege geleget." 1622 wurden die gleichen Beschwerden geführt und 1810 sogar zwischen Grebendorf und der Stadt Eschwege dieserhalb ein Prozeß angestrengt, der zu Gunsten der Stadt entschieden wurde. Da aber der Schülerberg für die Schulknaben, die sich im Laufe der Jahre vervielfacht haben und von denen jeder das Recht hat, zwei Büsche zu nehmen, die Maien in genügender Zahl nicht liefern kann, so wird eine Anzahl aus dem städtischen Walde im Schlierbach gehauen und vorher hierhergebracht. Nachdem man im Wirthshause zu Grebendorf ein gutes Frühstück eingenommen, begiebt sich der Zug nach der Stadt zurück. Beim Eintritt in diese seht sich die städtische Kapelle an die Spitze, und nun geht's zunächst nach denl zwischen den beiden Werraarmen ge ­ legenen Festplatz, dem großen Werdchen, wo jeder Schüler einen Maienbusch niederlegt, der zum Schmücken des Festplahes dient; den anderen nimmt er mit nach Hause. Unter den Klängen eines Marsches bewegt sich nun der Zug, der wie ein wandelnder Wald aussieht und einen hübschen Anblick gewährt, durch die Straßen der Stadt nach dem Marktplätze. Hier ange ­ kommen, singen die Schüler die Lieder: „Stimmt an mit hellem, hohen Klang" und „Danket dem Herrn". Ein Frühschoppen-Konzert bildet gewöhn ­ lich den Schluß des „Maienganges". Der Hauptfesttag ist natürlich der Sonntag. Nach dem Nachmittagsgottesdienste versammeln sich die Schüler und Schülerinnen, festlich ange ­ than, in ihren Schulklassen. Die Mädchen mit weißen Kleidern und mit reizenden, aus lebenden Blumen gewundenen Kränzchen ans den Köpfen, die Knaben in ihrem besten Staat, rüsten sich zum Festzug. Ein jedes Schulkind erhält ein Milchbrot, das ebenso lute das auf dem Festplatte den Kindern verabfolgte Bier und die Musik ­ kapelle, die dem Zuge vorantritt, von Seiten der Stadt bezahlt wird. Der Festzug, in welchem nach der vom Rektor der Knabenschule auf ­ gestellten Ordnung die Knaben- und Mädchen ­ klassen, von ihren Lehrern geführt, mit einander abwechseln, macht einen imposanten Eindruck. Deshalb wird man sich nicht wundern, daß alle Fenster in den Straßen, durch welche er sich be ­ wegt, von Zuschauern gefüllt sind und ein nach vielen Tausenden zählendes Publikum in den Straßen Spalier bildet. Ist doch das „Johannisfest" nicht allein ein Fest für die Eschweger, nein für den ganzen Kreis; ja sogar das benachbarte Eichsfeld sendet zahlreiche Besucher. Wenn es das Wetter und die Umstünde einigermaßen ge ­ statten, dann bleibt heute stundenweit in der Umgebung niemand zu Hause, sondern geht nach „Eschcwei". Auch die Eschweger, die in der Fremde weilen, kommen an diesem Tage zum großen Theile nach Hause. Auf dem Festplatze, dem großen Werdchen, entsteht bald ein arges Gedränge. Der Platz, ans dem am 2l. Februar 1807 die fünf unglücklichen Opfer des „Eschweger Soldatenaufstandes" standrechtlich erschossen wurden, dient sonst als städtischer Bleichplatz. Er hat sich schon lange zum Abhalten größerer Festlich ­ keiten als zu klein erwiesen, weshalb ihn die städtischen Behörden vor einigen Jahren durch Ankauf benachbarter Ländereien vergrößeren wollten. Die Angelegenheit scheiterte aber damals an den übertriebenen Forderungen der Besitzer. Nun hat vor etlichen Wochen die Stadt ein anliegendes Gartengrundstück gekauft und will das „kleine Werdchen" mit dem „großen" vereinigen, was im nächsten Herbst, wenn der Garten abgeerntet ist, geschehen soll. Auf dem Festplatze angekommen, singen die Kinder in Verbindung mit einem Männerchvr seit Alters das zu diesem Zwecke eigens gedichtete und komponirte Lied: Das Fest der Freuden ist erschienen; Wir alle athmen Scherz und Spiel; Es spiegelt sich in aller Mienen Der Göttin reines Frohgefühl. Wohlan, beginnt die schöne Feier, Mit Blumenkränzen schmückt das Haar Und töne zum Gesang die Leier, Umringt in Chören den Altar — u. s. w.