316 „Die Hallen Salomonis" nannte mein Vater den prächtigen Eingang zum Bahnhöfe, den kein Thor, weder von der Straße noch nach den Perrons hin, abschloß, durch dessen offene Bogen die Ferne uns entgegen lachte, aus der die Züge kamen und dahin brausten. Rings um den Bahnhof: Gärten, Feld und Grasplätze! Links, nach der Kölnischen Allee herauf, zog sich eine kleine grüne Anhöhe, einige Pappeln standen dort und, meiner Erinnerung nach, lagen immer gefällte Baumstämme unter denselben, die gerne als Ruheplatz benutzt wurden. An schul ­ freien Nachmittagen war dieses Terrain ein be ­ liebter Ausflugsort der Kinder. Von der Museumsstraße war damals nicht viel mehr zu sehen als eben der Weg, an welchem Häuser angebaut werden konnten! — Wenn man von der Stadt kam (von der Kölnischen Straße oder vom Ständeplatz), dehnte sich rechts das sogenannte „Armenseld" aus, hinter welchem eine schmale Stiege nach der jetzigen Bahnhofsstraße führte; die heute so breite, verkehrsreiche Straße, war ein Heckenweg und ihr hauptsächliches Gebäude: die alte Kr ebs'scheSch weselholzfabrik. — Die ersten größern Wohnhäuser dort waren das Rat.hm ann' sche und Ackermann 'sche, die noch unverändert stehen. Nur wenn man die Straßen, die Anlagen, die Paläste der nächsten und weitern Umgebung des Bahn ­ hofes nicht vor Augen hat und sich recht innig in Erinnerung vertieft, dann steigt in seinem alten Kleide jener Theil Altkassels wieder vor uns aus! Wer gedenkt jetzt noch, Angesichts der hohen Häuser, all' der Gärten und grünen Wege und Gartenhäuschen, die einst freundlich und traulich den Uebergaug zur Stadt vermittelten? Wer erinnert sich noch der Cimiotti'schen Restau ­ ration in der Kölnischen Straße, des ein ­ stöckigen Hauses mit seinen grasgrünen Schal ­ tern, dem hübschen schattigen Garten davor mit dem sogenannten „Berg" nach der Straße zu; dem hübschen Auslugplätzchen? Ein grün gestriche ­ nes Staket umzog das ganze Grundstück, unterdessen schattigen Bäumen und Lauben es nie an Gästen fehlte, denn einzelne Küchenerzeugnisse sowie das bayrische Bier bei Cimiotti waren über die Gren ­ zen der Vaterstadt als vorzüglich bekannt! Von der Kölnischen Straße aus diente, als sehr beliebter, wenn auch „eigentlich" ver ­ botener, Zustreckeweg nach der Wolssschlucht, der frühere „Dietrich's" dann „Höhmann's" dann „Stracke's", endlich „Schaub's" Garten. Eine Zeit lang, zu Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre, hatte die Wolfsschlucht (an deren Ecken aber „Garde du Corps-Straße" zu lesen stand) eine gewisse Berühmtheit durch den reichhaltigen Geflügelhof von Dietrich und später Höhmann, der nach der Straße zu durch ein Drahtgitter abgeschlossen war. Kraniche und Störche stolzirten gravitätisch zwischen allerhand seltenen Hühnern, Tauben und Enten herum und das Gitter war stets von Großen oder Kleinen, die vorüberkamen, belagert. Die Gärten und Höfe der Wolssschlucht gingen bis an die Königsstraße, aber der Weg nach dieser und nach dem Friedrichsplatz war ein recht weiter, man gelangte dahin nur durch die Wilhelms- oder Kölnische Straße. An der Wolssschluchtecke oberhalb befand sich das Süster- und Jakobshaus, ein Asyl für arme alte Männer und Frauen. Mancher der damaligen Wolfsschlucht ­ bewohner erinnert sich wohl noch des „grünen" Männchens, welches jeden Tag im grünen lang- schößigen Rocke und grünen Handschuhen (letztere wenigstens im Winter) langsam - bedächtigen Schrittes, immer zur selben Stunde, dahergewandelt kam um, wie die Kinder sich erzählten, zur Parade auf dem Friedrichsplatz zu gehen, aber niemals rechtzeitig eintraf! — Nun wurde aber in die Dielenwand des Kommandanturgartens eines Tages Bresche geschlagen, das „Gnadengäßchen" entstand und geleitete außer auf den Friedrichs ­ platz in ein wahres Himmelreich von schöner Aussicht über das Auethor hinweg auf die blauen Berge des Fuldathales! — Die alte Wolssschlucht ist eine rechte Garten ­ straße gewesen. Gegenüber dem Gymnasium, beträchtlich höher als die Straße gelegen, zogen sich Gärten hin mit langer grauer Dielenwand (die lieben, alten charakteristischen Dielenwände!) über welche sich „Cyrenen"- und Schneeballgebüsch bog, Obst und Kastanienbäume emporragten. Dann unterbrach gegenüber dem einzigen Brunnen der Wolssschlucht (von dem auch noch einmal etwas erzählt werden muß), ein braun gestrichenes Lattenthor die lange Dielenwand. Hieran schloß sich ein Häuschen, das nur aus Erdgeschoß und breitem, hohem Dach bestand, auf welches ein alter Birnbaum sich schützend herabbog; dann kam der Kuhstall, welcher zu Stracke's Restauration gehörte; zwischen diesem und dem Wohnhause führte ein enger Weg in den beliebten Garten. — Das alte Haus, die „Tabaksdose" benannt, bis zum Jahre 1843 Strub er g's Fabrik, so wie das dicht neben liegende Wobst'sche Haus und die v. Waitz'- schen Häuser, bilden den alten Stamm der Wolss ­ schlucht deren Name freilich den später gebauten Wolf'sehen Gebäuden seine Entstehung verdankt. Gleichfalls von einer Dielenwand nach der Straße hin abgegrenzt, an der Seite, wo die