315 Hierauf sagte er: „„Sternwarte."" Ich fuhr fort: „Auch die Sternwarte ist von meinem Vorgänger eingerichtet worden und besitzt einige sehr werth ­ volle Instrumente. Sie ist auf einem isolirt stehenden Thurme hergerichtet, man pflegt heut ­ zutage solche Anlagen meistens als Parterre ­ anlagen auszuführen, damit eine möglichst sichere Aufstellung der Instrumente erreicht werden kann." Diese meine Bemerkung war aber wohl nicht ganz klug gewesen. Denn sie wurde, wie ich später mitgetheilt erhielt, vom Kurfürsten in Verbindung mit einem anderen Universitätsinstitut gebracht und führte im Ministerium bald dar ­ aus zu Aeußerungen des Kurfürsten, die eine große Erregung erkennen ließen. Der Kurfürst fragte weiter: „„Wie lange schon in Marburg?"" „Halten zu Gnaden, Königl. Hoheit, im Jahre 1860 habe ich mich als Privatdozent für Physik habilitirt und erhielt im Jahre 1864 die Aller ­ höchste Ernennung zum Extraordinarius in der philosophischen Fakultät." Hierauf machte der Kurfürst eine kleine Verbeugung, ging von mir weg an das gewohnte Fenster, ich aber machte es nicht wie mein Kollege F„ blieb nicht stehen, sondern trat sogleich aus dem Audienzzimmer hinaus. So endete eine letzte Audienz. — Mein Freund S. hatte außen auf mich ge ­ wartet und ging zwischen duftenden Blumenbeeten hin und her spazieren. Als ich aus dem Schlosse herauskam, sagt er mir: „Wo bleibst Du denn nur so lange?" „Ja," sagte ich, „ich bin eben erst entlassen worden: die Audienz hat beinahe zwanzig Minuten gedauert." „Wie hast Du denn das nur angefangen, was sagte er denn alles?" Ich erzählte ihm nun den ganzen Ver ­ lauf der Audienz, woraus er seine Ueberraschung zu erkennen gab mit der Bemerkung: „Da hast Du mehr Glück gehabt wie ich". Ich sagte ihm: „Ich kann es nicht leugnen, der Kurfürst ist mir mit einer unverkenn ­ baren Freundlichkeit und mit deutlichem Wohl ­ wollen begegnet." Mögen Andere beim persönlichen Verkehr mit dem letzten Kurfürsten von Hessen andere Erfah ­ rungen gemacht haben, ich gehöre zu denen, und ihre Zahl ist sicherlich nicht gering, welche in Wahrheit sich freuen, gestehen zu können, daß diesem Mann Freundlichkeit und Leutseligkeit nicht inangelte, und als mit dieser Eigenschaft versehen habe ich mir ein Bild von ihm in Ge ­ danken zìi bewahren gewußt. Vom alten Kassel Von Jeanette Bramer. îler » unsere liebe alte Vaterstadt nicht verlassen mußte, um dauernd anderwärts zu wohnen, wer ihre Entwicklung seit 1866 täglich mit erleben konnte und zusehen konnte, wie aus der Gartenstadt fast eine Großstadt heranwuchs mit allem Comfort der Neuzeit, der kann sich nicht so leicht in das Empstnden eines Heimkehrenden versetzen, dem es darum zu thun ist, liebe Er ­ innerungsplätze aufzusuchen, und der nun überall auf Neues stößt, das dem Alten die Existenz ­ berechtigung raubte. — Aber es ist doch überall schöner und bequemer geworden? Bestes Straßen ­ pflaster, Beleuchtung, Wohnungen, Anlagen, Ver ­ kehrsmittel, bequem und elegant wie wir es vor 66 nicht kannten, haben aus dem schlummernden Dornenröschen „Kassel" eine große Stadt mit regem Leben und Treiben geschaffen, mit einem Fremdenverkehr, den man sich ehedem nicht hätte träumen lassen! Muß dieses Aufblühen nicht Jeden erfreuen, der es mit erlebte oder nach langer Abwesenheit plötzlich wahrnimmt? Ja! - Aber ! - Aber wer kann dafür, daß Wehmuth ihn befällt beiin Anblick all' des Neuen, dem das lieb ­ gewohnte Alte weichen mußte! — Es'gab einmal eine Zeit, da stand ein Gebäude, ähnlich einem schlichten Güterschuppen, ungefähr da, wo jetzt der linksseitige Flügel des Bahnhofes endet; das diente als Empfangshalle, bevor der große Ban begonnen und vollendet wurde, über welchen später so manches abfällige Urtheil verlautete. Aber mit welchem Entzücken wurde von der damaligen Generation die Vollendung des neuen Bahnhofes begrüßt! Mit staunender Freude über ­ schritt man die breite Treppe, welche in die wundervolle Halle führte, auf deren mächtigen Sandsteinsäulen die schönen, in dunkelblauer Farbe prangenden Kuppelgewölbe ruhten.