260 Umstände, die eigene Individualität, die da mit ­ wirken und unserem Innern Gefühle geben, die stärker sind, als wir selbst." „Waren Sie noch niemals in Meran — an seinem Grabe?" „Nein — niemals! Ich konnte nicht und fügte mich dem Unabänderlichen. — Aber wozu", unterbrach sie sich dann plötzlich selbst, — „wozu diese Dinge berühren, die Sie, der Sie noch im vollen Wirken des Lebens stehn — vielleicht im sattesten Glücke — kaum interessiren können." „Ich bitte, gnädige Frau, ich bitte, fahren Sie fort. Vielleicht gehöre ich doch zu denjenigen, die durch eigenes — der Welt gegenüber kaum nennenswerthes Leid — empfänglicher wurden — auch bedürftiger, sich in Anderer Leid zu versenken." Die alte Dame sah ein paar Augenblicke prüfend in sein Gesicht, reichte ihm dann dix Hand und fuhr in abgerissenen Worten fort: „Mein Sohn war mit der Zeit mir alles geworden — wir hatten so viel zusammen gelitten und waren auch wieder so glücklich gewesen in Liebe und Verständniß — so" „Wurden gnädige Frau so früh Wittwe?" „Nein — das nicht, aber mein Mann war leidend — psychisch leidend. Dieses Verhängniß kam langsam über uns" — fuhr sie tief seufzend fort — „kaum merklich — und senkte über mich alle Qualen des Zweifels — des Nicht ­ verstehens — des Wahnsinns —, bis ich begreifen lernte, daß er krank sei — wirklich krank — und unrettbar einem schleichenden Tode entgegen gehe." „Ja freilich," ging es theiluehmend über die Lippen des Mannes, „ich verstehe —, da mußte Ihr Sohn Ihnen alles werden —, das ist so verständlich." „Oh — ja — alles", wiederholte sie gedanken ­ versunken, mit dem Kopfe nickend — „alles. Er war ja auch gut, klug und schön, — auch schon Docent. — Da — ja da kam auch über ihn ein Etwas, das er nicht zu überwinden vermochte. Er kränkelte — hustete. Da hieß es, nach dem Süden — nach Meran. Er wollte nicht —, er wollte bei mir bleiben, mir beistehn, mich trösten. — O wie das alles über mich kam! Ich konnte ihn nicht begleiten —, sein Vater bedurfte mich. — Halb verblödet, wie er damals war, klammerte er sich an mich — wie an fein Letztes." „Und Ihr Sohn starb in Meran?" „Ja, in Meran", nickte sie leise vor sich hin. Nach einer Weile erhob sich der Herr und griff nach seinem Handgepäck. »Ich steige leider an der nächsten Station aus, gnädige Frau," sagte er, seinen Hut ab ­ nehmend — „ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, — Sie haben mir in der That etwas für den Weg mitgegeben, etwas Werthvolles zum Denken —, denn auch meine Reise ist eine Wallfahrt — eine Wallfahrt in ein einsames Berggeklüfte, in dem ich einmal glücklich war. Leben Sie wohl, gnädigste Frau, und nochmals Dank!" Der Zug hielt bereits, und der Herr hatte nur noch Zeit, feine Karte in die Hand der Dame zu legen. Sie las: „Berthold Grabenow, Professor der Physik in Rostock." Als sie die Augen aufschlug, um auch ihren Namen zu nennen, war der Herr bereits ver ­ schwunden, und sie sah nur noch seine graue Gestalt, wie sie über den kleinen einsamen Bahn ­ hof schritt und hinter einer Mauer verschwand. Berthold Grabenow war, während er nach einem Wagen suchte, noch in Gedanken mit den Schicksalen der alten Dame beschäftigt, die mit so edlem Wollen und vornehmer Würde so schwere Schicksale überwunden hatte. Erst nachdem er hinaus in's Freie zu dem Bergesvorsprung gekommen war, wo, wie man ihm sagte, ein Stellwagen zu finden sein würde, der die Passagiere zu den: bezeichneten kleinen Orte zu bringen pflegte, athmete er wieder auf und ließ seine Blicke über die Firnen der Berge schweifen. Wie war das alles frei und großartig schön! Scharf zeichnete sich die Martinswand am blauen Aether und senkte sich majestätisch gegen den Inn! Ja, hier war es, wo er damals in vollem Glückempfinden die Welt mit ihren kleinlichen Sorgen vergaß und sich sein Herz in heißen Jugendstürmen mit Adlersflug zum Himmel hob. Wie das alles so plötzlich über ihn ge ­ kommen war, wie es ihn mit elementarer Gewalt zu ihr gezogen hatte —, die er doch nur so flüchtig kannte —, darüber hatte er alle die Jahre vergebens gesonnen. Aber seitdem er sie zum ersten Male gesehen hatte, unter dem Baum ­ gestrüpp am Waldessäume, wie sie sich fürsorglich über die Kranke im Wagen beugte —, seitdem zog es ihn magnetisch immer desselben Weges. Wie geduldig las sie der Tante aus den ver ­ gilbten Büchern vor, deren Inhalt ihr eigenes Sein kaum berühren konnte. Und wenn sie dann wieder still saß, den Kopf gegen den Stamm der alten Fichte gelehnt, lag ein so ernster, trauriger Zug über ihrem blassen Gesicht, wie er gewöhnlich nur denen eigen ist, die inneres, stilles Leid durchkämpften. Daß sie sich gegenseitig Interesse einflößten, das wußten sie bald —, das ^Höchste in ihren Naturen mußte sich berührt haben, sonst Hütten sie nicht beide