149 Kurhessens während der Regierung des letzten Kurfürsten" zu unterbreiten: Nächst der Person des Regenten war für die inneren Zustände Kurhessens der Staatsdienerstand von Bedeutung. Man darf behaupten, daß dieser einen tiefgreifenden und wohlthätigen Einfluß aus die Geschicke des Landes geübt hat. Der hessische Staatsdiener hatte schon lange vor ­ der Verfassung eine gesicherte Stellung. Bereits das Haus- und Staatsgesetz von 1817 sprach aus, daß ohne Urtheil und Recht kein Staatsdiener seiner Stelle entsetzt oder ihm sein rechtmäßiges Diensteinkommen entzogen werden könne. Den ­ selben Grundsatz enthielt die Verfassung von 1831. In dem gleich daraus erlassenen Staatsdienstgesetz wurden die Rechtsverhältnisse der Staatsdiener noch genauer geregelt. Jedem Staatsdiener stand ein klagbares Recht aus seinen Gehalt zu, und die Beschreitung des Rechtswegs war an keine künstlichen Schranken gebunden. Die Gehalte selbst waren, selbst nach dem früheren Geldwerthe bemessen, gering. Ein Richter z. B. bei seiner ersten Anstellung (als „Amtsassessor") bezog 300 Thaler, und blieb in dieser Stellung meist vier bis fünf Jahre. Auch kannte man kein „Gnadenquartal". Dagegen war sowohl dem Staatsdiener selbst für den Fall seiner Invalidität, als auch seinen Hinterbliebenen für den Fall seines Todes ein Recht auf Pension gesichert. Besondere „Remunerationen" für Beamte waren ganz un ­ bekannt. Es gab dazu gar keine Fonds. Dienst ­ wohnungen bestanden nur ganz ausnahmsweise, wo das Bedürfniß des Dienstes es erheischte. Nirgends wurden sie von Staatswegen mit Möbeln rc. ausgestattet. Auch mit allen auf den Ehrgeiz des Staatsdieners berechneten Reizmitteln war man sehr sparsam. Die Titel waren einfach und meistens nur einer Bezeichnung der Dienststelle entnommen. Eine besondere Verleihung von solchen war sehr selten. Man erwartete von jedem Beamten, daß er auch ohne das seine Pflicht thun werde. Auch Nebenverdienste, wie sie wohl mit ­ unter Beamte sich zu erwerben wissen, kamen unter der Regierung des letzten Kurfürsten nicht vor. Mau wird seit dem Jahre 1831 keinen hessischen Beamten nachweisen können, der arm in sein Amt gegangen und reich wieder herausgegangen wäre. So wie dem Kurfürsten alles büreaukratische Wesen zuwider war, so konnte er auch ein ehr ­ geiziges Vordrängen nicht leiden. Das Wort „Streber" war bis zum Jahre 1866 in Kurhessen ganz unbekannt. Ohne Zweifel gab es auch hier ehrgeizige Menschen. Aber sie dursten nicht wagen, sich als solche auszuspielen. Sobald der Kurfürst Absicht merkte, war er verstimmt. Es war auch durchaus unüblich, sich zu höheren Stellen zu melden. Man würde das für eine uu= begreifliche Anmaßung gehalten haben. Jeder wartete ruhig ab, ob er befördert werde. Es war auch nicht gebräuchlich, daß der Beamte seinem Titel das Wort „Kurfürstlicher" vorgesetzt hätte. Daß mau dem Kurfürsten als Staatsoberhaupt diente, sah man als selbstverständlich an. Betrachten wir nun die einzelnen Zweige der Staatsthätigkeit etwas näher. Die am wenigsten befriedigende Seite des hes ­ sischen Staatslebens war ohne Zweifel die Ver ­ waltung. Sie war sich kaum bewußt, die Auf ­ gabe zu haben, positiv an dein Wohle des Volkes zu arbeiten. Und wo auch Einzelne dieses Be ­ wußtsein haben mochten, scheiterte doch jedes Be ­ streben dieser Art an der Schlaffheit und Gleich ­ gültigkeit der höchsten Organe imb an der Ab ­ neigung des Kurfürsten gegen jede Neuerung. Das Negieren bestand also nur in der uuabweislichen Handhabung der laufenden Geschäfte, in der poli ­ zeilichen Ueberwachung und in der strengen Auf ­ rechthaltung der landesherrlichen Rechte. Für- alles klebrige hatte man keinen Sinn. Je weniger nun die Regierungsbehörden Posi ­ tives leisteten, um so mehr trat die Bedeutung der Gerichte hervor, denen die besten geistigen Kräfte des Landes sich zuwandten. Daß für eine gute Justiz bereits im vorigen Jahrhundert die Grundlagen gelegt waren, ist schon oben erwähnt worden. Das im Jahre 1742 eingesetzte Ober- appellationsgericht zu Kassel erhob sich bald zu einem der besten deutschen Gerichtshöfe. Neben wissenschaftlichem Sinne war auch eine gesunde Berücksichtigung der Anforderungen des praktischen Lebens in ihm vertreten. Tie frühere Patrimonial ­ gerichtsbarkeit war in westfälischer Zeit abgeschafft worden und wurde auch nach deren Ablaus nicht wieder hergestellt. Im Jahre 1834 wurde dann der Zivilprozeß aus sehr guten Grundlagen um- gestaltet. Für Bagatellsachen wurde ein rein mündlicher Prozeß, jedoch mit schriftlicher Aus ­ zeichnung des Wesentlichen eingeführt. Diesen Prozeßgesetzen verdankte der hessische Richterstand einen wesentlichen Theil seiner guten Schulung. Im Jahre 1848 sollte, wie fast überall, auch in Hessen Mündlichkeit und Oeffentlichkeit nach französischem Muster eingeführt werden. Es kam aber nur bezüglich des Strafprozesses — für dessen Umgestaltung allerdings ein dringendes Bedürfniß vorlag — zur Vollendung der entsprechenden Gesetze. Für den Zivilprozeß gab erst wiederum Hasseupflug im Jahre 1851 eine nur aus wenigen