88 schm Waldungen in einer besonderen Schrift: „Der hessische Wald" dar. Am 1. Oktober 1879 trat er in das Reichs ­ gericht als Mitglied ein, mußte aber schon im Jahre 1881 in Folge eines Nervenleidens aus dem Dienste scheiden und zog sich nunmehr wieder nach Kassel zurück, wo er im Freiherrlich von Waitz'schen Hause am Opernplatz wohnte. Hier begann die fruchtbarste und vielseitigste Periode seiner schriftstellerischen Thätigkeit. Aus dein Gebiete der Rechtswissenschaft gab er neben zahlreichen Aufsätzen in wissenschaftlichen Zeitschriften und verschiedenen Gutachten für den deutschen Juristentag zunächst im Jahre 1883 unter dem Titel: „Urtheile des Reichs ­ gerichts mit Besprechungen" eine selb ­ ständige Arbeit heraus, in der er eine Reihe von Entscheidungen des höchsten Gerichts einer sehr beachtenswerten Kritik unterzog uiib daran werth ­ volle Ausführungen über eine Reihe besonders wichtiger Rechtsfragen knüpfte. Besonderes Inter ­ esse in weiteren Kreisen erregte sodann eine Be ­ sprechung des, Verfahrens nach der Zivilprozeß ­ ordnung, die er im Jahre 1885 aus Grund einer bei Richtern aller deutschen Landestheile gehaltenen Umfrage veröffentlichte. Diese Schrift veranlaßte eine sehr lebhafte wissenschaftliche Debatte, nament ­ lich mit dem Professor Wach in Leipzig, in der Bähr die Gefahren, die durch einzelne Grund ­ sätze der Zivilprozeßordnung für eine sachgemäße Erledigung der Prozesse geschaffen seien, mit der ihm eigenen Schärfe treffend beleuchtete. Hatte er hierdurch eine tiefgreifende Erörterung gründ-- legender Fragen des Prozeßrechts in Fluß ge ­ bracht, so gab ihm die im Jahre 1888 erfolgte Veröffentlichung des amtlichen Entwurfs eines B ü r g e r l i ch e n G e s e tz b u ch e s für das Deutsche Reich die Anregung zu einem einzig dastehenden Werke aus dem Gebiete des materiellen Rechts. Der Entwurf, den die vom Bundesrathe eingesetzte Kommission nach mehr als dreizehnjähriger Thätigkeit vorlegte, erfuhr bekanntlich von fast allen Seiten eine wenig günstige Kritik nach Form und Inhalt. An dieser Kritik betheiligte sich auch Bähr durch eine eingehende „Be ­ urtheilung". Dabei empfand er aber alsbald das Bedürfniß, sich nicht gleich der weit über ­ wiegenden Mehrzahl der Kritiker aus die Hervor ­ hebung der Mängel des vorgelegten Entwurfs zu beschränken, sondern den Versuch zu einer selb ­ ständigen Bearbeitung einzelner, in sich ab ­ geschlossener Materien zil machen. Diese Arbeit fesselte ihn so, daß er die gewaltige Aufgabe unternahm, dem offiziellen Entwurf einen voll ­ ständigen Gegenentwurs gegenüberzustellen. Im Herbst 1890 erschien das erste Buch, und schon im Januar 1892 war das umfassende Werk vollendet. Mag sich über den Inhalt und die Fassung mancher einzelnen Bestimmung auch streiten lassen: jedenfalls legt das Werk, als Ganzes betrachtet, ein glänzendes Zeugniß ab, nicht nur von einer erstaunlichen Arbeitskraft, sondern auch von einer tiefen Durchdringung aller Gebiete des bürgerlichen Rechts, einem offenen Blick für die Bedürfnisse des Lebens und der wunderbaren Gewandtheit, mit der der Ver ­ fasser die juristische Technik und die Sprache be ­ herrschte. Bähr hat denn auch noch die Genug ­ thuung erlebt, daß die zur Vornahme einer zweiten Lesung des offiziellen Entwurfs eingesetzte Kommission seinen Gegenentwurf als eins ihrer werthvollsten Hilfsmittel anerkannte. Neben dieser Thätigkeit auf dem Gebiete seiner engeren Fachwissenschaft verfolgte er mit lebendigem Interesse und nicht immer ohne ernste Sorgen alle Fragen, die im politischen und wirthschaft- lichen Leben unseres Volkes auftauchten. Zahl ­ reiche Aussätze, die er — großenteils ohne Namen ­ nennung — in den verschiedensten Zeitungen itub Zeitschriften erschienen ließ, gaben Kunde davon, wie sehr ihm, der allezeit ein über ­ zeugter Verehrer Bismarck's war, das Wohl des Vaterlandes am Herzen lag. Wo nur immer er Schäden erkannt zil haben glaubte, deckte er sie mit der ihm verliehenen Klarheit rückhaltlos auf und mahnte zur Einkehr, dabei allen uto- pistischen Ideen entgegentretend und stets den Blick auf das thatsächlich Erreichbare lenkend. Eine große Zahl seiner Arbeiten dieser Art findet sich in den letzten zwölf Jahrgängen der „Grenz- boten", denen er bis zu seinem Tode ein treuer Mitarbeiter blieb. Welche seine Beobachtungsgabe er daneben für alle, auch die kleinsten Ereignisse des alltäglichen Lebens hatte, davon lieferte er den Beweis durch seine köstliche kulturgeschichtliche Skizze: „Eine deutsche Stadt vor 60 Jahren", in der er von dem Kasseler Leben im dritten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts eine gemüth- und humor ­ volle Schilderung gab. Das Werkchen fand denn auch solchen Anklang, daß der 1884 erschienenen ersten Auflage schon 1886 die zweite folgte. Das Bild seiner Wirksamkeit würde unvoll ­ ständig sein, wenn wir nicht schließlich noch seines Schaffens ans musikalischem Gebiete gedenken wollte. Bähr pflegte nicht nur bis in sein hohes Alter das Klavierspiel, sondern er hat auch eine ganze Reihe von Liedern selbst komponirt und im Jahre 1882 ein tief durchdachtes musik-