Hessische Städte und hessisches Land vor hundert Jahren?) i. Stadt und Land Fulda. Bon Dr. Justus Schneider.*) **) |enn wir ein älteres encyklopädisches Werk auf ­ schlagen, finden wir bei dem Artikel Fulda dreierlei verzeichnet: 1) Fluß Fulda, 2) Stadt Fulda, 3) Land Fulda. Der letztere Artikel ist allerdings in den neueren Lexicis weggeblieben, da es seit neunzig Jahren kein Fuldaer Land mehr giebt. Vor hundert Jahren indeß blühte dasselbe noch unter der Regierung eines geistlichen Fürsten, welcher in Anbetracht von Glanz und Reichthum nicht die letzte Stelle unter den 300 Neichsständen Deutschlands einnahm. Da ich mir vorgenommen habe, Fulda vor hundert Jahren Ihnen zu schildern, so meine ich eben nicht die Stadt allein, sondern auch das Land, das reichsunmittelbare Fürstenthum oder die gefürstete Abtei Fulda. Ueber den Fluß Fulda kann ich mich kurz fassen, denn er war vor 100 Jahren fast ebenso wie jetzt. Doch dürfte die, Bemerkung nicht überflüssig sein, daß vor hundert Jahren oder etwas länger die hessischen Landgrafen mit den Fuldaer Fürstäbten Verhandlungen wegen der Schiffbarmachung des Flusses bis zur Stadt Fulda aufwärts gepflogen haben, welche sich aber wieder zerschlugen, wahr ­ scheinlich weil die Regulirung des Flusses und die Schleusenanlagen doch gar zu viel Geld gekostet haben würden. Napoleon I. griff die Pläne, zu denen schon Vorarbeiten existirten, wieder auf, als Fulda 1806—1810 unter un ­ mittelbarer französischer Administration stand; der unglückliche Feldzug nach Rußland und die endliche Vernichtung der französischen Herrschaft *) Wir beabsichtigen unter obigen Titel eine Schilde ­ rung hessischer Städte und hessischen Landes, insbesondere der Städte Kassel, Marburg, Hanau und Fulda, in zwang ­ loser Folge zu bringen und beginnen zunächst mit der Stadt und dem Lande Fulda. Diesem Aufsatze wird dann eine Schilderurg der Residenzstadt Kassel vor hundert Jahren folgen. <D. Red.) **) Nach einem im Rhönklub gehaltenen Vortrage. durch die Leipziger Schlacht hinderten dieses Mal die Ausführung. Ich werde Ihnen also zunächst den Zustand des Fuldaer Landes vor hundert Jahren schildern und sodann Alles, was man über die Beschaffen ­ heit der Stadt Fulda und deren Bewohner zu dieser Zeit weiß, erzählen. Ein hervorragender Kenner der Geschichte Fuldas, der frühere Dompfarrer und Kapitular Isidor Sch lei chert, ein alter Benediktiner, theilt die Geschichte Fuldas in drei Perioden: 1)Fuldagratiosa, das gnadenreiche Fulda, von der Gründung 742 bis in das XIII. Jahrhun ­ dert, als durch die Begräbnißstätten der Gründer, des heiligen Bonifatius und Stnrmills, der heiligen Lioba, sowie durch die Reliquien der stiftsheiligen Ritter und Patröne Simplicius und Faustinns gar viele Menschen veranlaßt wurden, nach Fulda zu wallen und viele Fürsten und Große aus ganz Deutschland ihre Söhne daselbst erziehen ließen in der durch Rhabanus Maurus, den kraoosptoi- Llerinaniae, gegründeten be ­ rühmten Klosterschule. 2) Fulda gloriosa, das ruhmreiche Fulda, vom XIII. Jahrhundert bis zur Aufhebung der geistlichen Herrschaft 1802. Die Fuldaer Aebtc kamen durch die Verdienste, welche sie sich bei den deutschen Kaisern erwarben, zu immer höherem Ansehen, sie wurden Reichs ­ fürsten, mußten deshalb von gutem Adel sein und eine Ahnenprobc bestehen, sie erhielten das Recht, unmittelbar zur Linken des Kaisers bei den Reichstagen zu sitzen; sie erhielten die Würde als Erzkanzler der römischen Kaiserin und den Primat vor allen Aebten in Germanien und Gallien; sie erhielten auch das Reichspanier unter Kaiser Karl IV. (1370), welches bei feierlichen Gelegenheiten und Reichszügen den Fürstübten voran getragen wurde. Die Abtei Fulda stand unmittelbar unter dein römischen Papste und war der Jurisdiktion keines Bischofs unterworfen.