257 dieses Tages hatte sich der akademische Senat ver ­ sammelt, um nach der im Juli desselben Jahres erfolgten Auflösung des kurhessischen Landtages den neuen Vertreter der Universität an demselben zu wählen. Die Wahl fiel abermals auf den bewährten seitherigen Abgeordneten, auf Silvester Jordan. Die Nachricht hiervon durchlief und elektrisirte, wie es in dem Bericht heißt, Abends noch die ganze Stadt, des andern Tages die ganze Umgegend, und in ganz Deutschland wurde sie mit Jubel aufgenommen. Doch die Feierlichkeiten, welche diese Wahl in Mar ­ burg selbst im Gefolge hatten, bildeten nur das Vorfest. »Noch war Jordan selbstso heißt es in dem Bericht »nicht in unsere Mauern zurückgekehrt, er weilte noch im Kreise der Freunde und Ver ­ wandten, Erholung seiner Gesundheit bedürfend und schöpfend. Aber er war bereits uns nahe — der 13. schon sollte ihn uns wiedergeben. Man durfte erst gegen Abend die Ankunft des hochverehrten De- putirten erwarten —, allein die eifrigsten seiner Ver ­ ehrer konnten das nicht erwarten, in festlicher Kleidung waren sie ihm gleich nach Tisch bis zur nächsten Post entgegengeritten und gefahren, in deren Nähe ihn noch die Schulzen des Amts und eine Abordnung der Stadt Wetter erwarteten. Schon gegen 3 Uhr Nachmittags bemerkte man in allen Straßen Marburgs festlich gekleidete Menschen, — das Volk verließ seine Arbeitszimmer und wallte dem Elisabcthenthore zu. Um 4 Uhr entfaltete sich eine Fahne (weiß) aus dem Rathhause, und hinter ihr sah man einen Zug schwarzgekleideter Bürger einherschreiten, und eine Fahne (blau) und wieder Bürger und abermals eine Fahne (roth) und wieder Bürger, alle in langem feierlichen Zuge, ihre Magistratspersonen in der Mitte, über den Markt ­ platz hin dem Thore zuschreitend. Diese alten schönen Stadtfahnen, getragen an blau-weißen Florgehängen von den Söhnen angesehener Bürger, hatten seit einem halben Menschenalter, seit Wilhelm's I. Rück ­ kehr in das alte Stammland, nicht wieder in Gottes freier Luft geflattert; aber heute sahen sie wieder das Tageslicht, und man sah auch sie mit Rührung; so selten ist die Gelegenheit zu wahren Herzens ­ freuden! Nächst dem Thore, im Gasthofe »zum blauen Löwen", hatte bereits eine Anzahl von fast 200 weiß und blau gekleideten'Jungfrauen der Stadt sich versammelt, um dem Erwarteten einen Lorbeer ­ kranz und ein Gedicht zu überreichen. Vor dem Thore, auf der Brücke gegen Kassel zu, erhob sich eine Ehrenpforte, aus sechs hinter und neben ein ­ ander stehenden hohen Bäumen errichtet, welche grüne Eichenguirlanden verbunden durchkreuzten und auf den Gefeierten sich gleich Kränzen herabzulassen schienen. Hier wogte und harrte die Menge beson ­ ders seit 5 Uhr der Ankunft des Erwarteten ent ­ gegen. Endlich nach 6 Uhr entstand jene frohe murmelnde Bewegung in der Masse, welche dem entscheidenden Momente vorauszugehen pflegt; ein unabsehbarer Zug von Reitern und Wagen trabte und rollte heran; da ward es plötzlich stille undder erste Zug ist's — ries's in den Zügen der Reiter. Schon war er da, dieser Wagen, und hielt auf die dem Kutscher gegebenen Winke unter der Ehren ­ pforte still; wie von einem sympathischen Gefühle beseelt, entblößte die ganze unzählbare Menge plötzlich und zugleich das Haupt und brach in'ein stürmisches unaufhörliches Hoch aus. Nachdem sich der Sturm ein wenig gelegt hatte, beugte sich der Gefeierte aus dem Wagen und sprach rührende Worte des Dankes und der Freude des Wiedersehens. Jetzt trat der Magistrat heran und bat ihn, sich in seine und der Bürger Mitte zu begeben. Vor dem Wagen, an einem etwas freier gehaltenen Platze, kreuzten sich die drei Fahnen, und zwischen ihnen, wie unter einem Obdach stehend, hielt der Vizebürgermeister, Herr Ulrich, folgende Anrede an den Zurückgekehrten: »Hochverehrter Mann! Wir begrüßen Sie als einen ausgezeichneten Volksvertreter, der unsere verfassungsmäßigen Rechte und Freiheiten mit unerschütterlichem Muthe und mit der Freimüthig ­ keit, w'e sie dem deutschen Manne geziemt, auf den beiden Landtagen vertheidigt hat. Das Vater ­ land ist Ihnen für dieses kräftige Benehmen seine Huldigungen schuldig und bringt sie Ihnen mit Liebe und Freude. Marburg hat es über ­ nommen, Ihnen für ganz Kurhessen den wohl ­ verdienten Dank zu sagen. Einfach und prunklos, wie Sie sehen, ist unser Empfang, aber hoch und glühend schlagen Ihnen unsere Herzen entgegen und mit den Gefühlen, die diesen entströmen, heiße ich Sie im Namen aller Marburger herzlich willkommen! Nehmen Sie noch, hochverehrter Mann! einige Zeichen der Liebe und Hochachtung aus den Händen unserer Jungfrauen an!* Hierauf nahten sich zwei Jungfrauen und über ­ reichten ihm einen Lorbeerkranz und ein Gedicht, das die Gefühle des Dankes dem alten und die Erwartung der Zukunft dem neuen Vertreter aus ­ sprach. “ Der Chor: »Du bi st's, des Vaterlandes Hort und Zierde, Sein Stolz, sein Schmuck, sein Ehrenkleid! Du bist's, deß starke Hand zum sichern Hafen führte Sein schwankend Schifflein, fern und weit! Du hast für Recht und Freiheit kühn gestritten Und mit der Wahrheit Flammenmuth; Und mehr als wir hat selbst Dein Herz gelitten, Entrann der Hand ein hohes Gut!" so heißt es u. A. in dem Gedichte, das wir wegen seines Umfanges und, offen gestanden, auch wegen seines geringen poetischen Werthes hier nicht weiter wiedergeben wollen. Wer es gedichtet hat, wissen wir nicht, doch mag auch von dem unbekannten Ver-