254 natürlich sprudelnden Wasserfälle oder besuchen den Aquädukt, meine Lieblingsanlage." So plaudernd verscheuchte sie die Schwermuth aus seinen Zügen und fesselte seine Aufmerksam ­ keit an die ihn umgebenden Naturschönheiten, denen sich die Kunst in so wohlgefälliger Wirkung einte. Als das Paar wieder aus dem Waldesschatten heraustrat, lag vor ihm, im Sonnenlicht smaragd ­ grün erglänzend, eine Rasenfläche, auf der eine geputzte Menge, bunten Blumen gleich, dem Herabstürzen des Wassers von der Höhe des Habichtswaldes bewundernd zuschaute. Wo sich der Schwall unten in einem Bassin sammelt, hob er sich in einer mächtigen Fontäne himmel ­ wärts empor. Ein „Ah!" der Bewunderung entfuhr dem von diesem Anblick überraschten Jüngling. Ihrer Umgebung nicht achtend, traten die Geschwister weiter in den Vordergrund. In heiterem Zwie ­ gespräch standen sie da, als sich eine Hand auf des Barons Schulter legte, indem eine Stimme wohlwollend und doch mit souveräner Betonung sprach: „Eh bien, monsieur, unsere Anlagen erfreuen sich Eures Beifalls?" „Königliche Hoheit," sprach Elisabeth, den Landgrafen Friedrich von Hessen erkennend, schnell gefaßt, „mein Bruder, Baron von Münikerode, ist zum ersten Male in diesen Zaubergärten, kein Wunder, daß er, von der Schönheit über ­ wältigt, Auge und Ohr gefangen gab, nicht ahnend, daß der hohe Magiker selbst das Schau ­ spiel mit seiner Gegenwart beehrt." „Von Euer Liebden ist man keine Schmeichelei gewohnt", sagte der Fürst und zog dann den jungen Mann, an dem er Wohlgefallen fand, in eine Unterhaltung. „Ah, mon ami," sagte der kunst- und pracht ­ liebende Prinz, „wir sind charmirt, daß der wirk ­ lich seltene Anblick unserer Wasserkünste Euch ergötzt. Wir haben indessen noch ganz andere Kunstschätze, deren Besichtigung Ihr Euch nicht entgehen lassen dürft. Da sind die sublimen Leistungen Meister Monot's, die das Marmor ­ bad zieren." Tankmar beeilte sich, in bescheidener Weise sein Lob und Urtheil über die Arbeit des Bild ­ hauers auszusprechen. „Die Weihe, welche gleichsam schon das Material umschließt," sagte der Landgraf, „haben die Künstler aller Zeiten empfunden, indem sie die vollkommensten Vorbilder des Schönen darin nachzubilden suchten. Wären wir auch auf anderen Gebieten der Kunst diesem Grundsatz der Griechen treu geblieben, wieviel an triviale Stoffe verschwendetes Talent würde edlerem Streben erhalten sein. Man kann die Natur ­ wahrheit der Wiedergabe bewundern, aber sich an dem Gemeinen und Häßlichen nicht erfreuen Ich erachte es als die Pflicht eines Fürsten, auf die Pflege der Kunst und Schönheit so viel zu verwenden, als in seinen Mitteln steht. Ich brauche darin. Gottlob, nur in die Fußstapfen meiner Vorfahren zu treten, denen wir diese Schöpfung verdanken." Aus dem Kreise des in zwanglosen Gruppen plaudernden Hofzirkels winkte der Fürst den Kammerherrn von Buttlar zu sich heran. „Herr von Münikerode", redete er den sich tief verneigenden Kavalier an, „intendiret morgen unsere Galerien in Augenschein zu nehmen, da ­ bei kann er keinen besseren Führer zur Seite haben, als Euch, lieber Buttlar, der Ihr die Kunstwerke unserer großen Maler würdig zu estimiren wißt. Fast alle Meister der Welt sind dort in ihren eheks-ck'oenvre vertreten, Rubens, Raphael, Rem ­ brandt, Holbein und Dürer. Vergesset nicht, dem jungen Amateur die Landschaften eines Wouvermann und Ruisdael zur Beachtung zu bringen, sowie die Leistungen Ribera's, Potter's, und van Dyck's." Den wohlgesetzten Dankesworten des Barons hörte der Landgraf nur mit halbem Ohre zu, seine Aufmerksamkeit fesselte ein junges Mädchen, welches elastischen Schrittes auf die Gesellschaft zukam. Ihre Erscheinung rechtfertigte vollkommen das Urtheil des hohen Herrn. „Voilà la beauté supérieure unseres Hofes. Fräulein von Wilden wäre würdig, das Vorbild eines Praxiteles zu sein, doch könnten alle die todten Gebilde nicht mit ihrem frischen Lebenshauch konkurriren. Soyez la bienvenue, schöne Aurora, die Sonne ist heute spät aufgegangen. Dieser Kavalier ist hergekommen, um die Sehens ­ würdigkeiten unserer lieben Stadt in Augenschein zu nehmen. Er würde nichts von Bedeutung erblickt haben, wäre ihm nicht das Glück so hold, Euch in unsern Weg zu führen. Wir überlassen die Herrschaften der gewiß höchst anziehenden Unterhaltung zu Zweien, wobei wir uns als überflüssigen Lauscher fühlen." Lachend wandte sich der Landgraf seinem Ge ­ folge zu, den jungen Baron in einiger Verlegen ­ heit der gefeierten Schönheit gegenüber zurück ­ lassend. So wenig Tankmar an den leichten Ton der Gesellschastskonversation gewöhnt war, fiel es ihm doch nicht schwer, auf das Thema einzugehen, das die junge Dame, von einer Kunst zur andern hinüberlenkend, einschlug. Die Leistungen der vom Landgrafen für seine Residenz angeworbenen Schauspielertruppe beschäftigten in hohem Grade alle Verehrer des Theaters, damals, wo auf