176 irrte, darüber hatte die Alte dach wohl nicht nachgedacht.. Der alte Herr war ein rüstiger Siebziger und wohnte in dem ergrauten Giebelhause seit nahe ­ zu 45 Jahren. Freilich hatte er damals, da er als außerordentlicher Professor mit spärlichem Gehalt an die Universität berufen wurde, nur die kleine Giebelwohnung inne gehabt, die über dem ersten Stocke mit dem geschnörkelten Erker lag. Die Hauptwohnung selbst war im Besitz eines älteren Kollegen gewesen, der mit Frau und Tochter da ein geselliges Leben geführt hatte. Die alte Hökerin erinnerte sich dieser Zeit noch ganz besonders genau, denn damals war sie selbst noch ein junges, blühendes Mädchen, und hatte auf blank geputztem Geschirr das Fleisch aus ihres Vaters einträglichem Geschäft in die herrschaftliche Küche getragen. Es war das die Glanzzeit ihres Lebens ge ­ wesen und auch die des alten Kastens, wie sie in ihren stillosen Gedanken das alterthümliche Haus benannte.- Bald nachher aber hatte sich nach dem Falle ihrer eigenen Familie auch die Herrschaft dort aufgelöst. Die Tochter heirathete, der Vater starb und die Frau des Professors, die eine stolze Adelige gewesen, zog von dannen und blieb verschollen. Aber das war ganz gleich, die alte Lotte erinnerte sich doch noch ganz genau, wie man sie das hübsche Lottchen genannt hatte und wie es in dem damals so lustigen Hause zugegangen war. Der Mann war, ihrer Meinung nach, ein guter Tropf gewesen, der nur froh sein mußte, wenn er bei den Gesellschaften keine Vorwürfe von der Gnädigen erhielt, die ihm, wie die Dienstboten versicherten, immer von Neuem un ­ gehobelte Manieren und bürgerliche Hartköpfig ­ keit vorwarf.' Aber trotzd.em trug doch der Mann den Kopf beinahe ebenso hoch wie die Gnädige selbst und etwas von der Atmosphäre, die sie zu verbreiten liebte, war auch in sein bürgerliches Blut über ­ gegangen. Er war mit Bewußtsein der Mann seiner Frau, der geborenen Freun von Nicht ­ hausen und die Ansicht, die sie ihm nach und nach beigebracht, daß es für ihn, den bürger ­ lichen Professor eine Ehre sei, ihr Mann ge ­ worden zu sein, hatte doch mit der Zeit Aus ­ druck in seinem Gesichte gewonnen und den letzten Rest von gutmüthiger Intelligenz ver ­ drängt. Seine Kollegen, die nie eine übertriebene Meinung von seiner wissenschaftlichen Potenz gehabt, sahen sein Können immer mehr und mehr verflachen. Und nun die Tochter, die wunderschöne Tochter mit dem fremdländischen Namen — sie hieß Wanda, nach einer Tante der gnädigen Frau in Pole» — wie hatten sich alle jungen Männer darum bemüht, unter der Zahl ihrer Verehrer genannt zu werden! Wie viele kostbare Blumen ­ bouquets, die man ihrer Schönheit gezollt, waren wohl in dem alten Giebelhause dort achtlos verwelkt! Die Leute erzählten sich, sie sei eitel und ge ­ fallsüchtig, liebe Luxus und schöne Kleider mehr als Alles und wäre der Abgott der gnädigen Frau, die alle ihre eigenen gescheiterten Pläne an der Tochter verwirklicht sehen wolle. Ob sie glücklich geworden war mit dem blassen, abgelebten Offizier, mit dem man ihre Hochzeit so pomphaft gefeiert hatte? Man wußte nichts von ihm, als daß er Güter weit ab in Polen an der russischen Grenze habe und von eben so altem Adel stamme, wie die gnädige Frau selbst. Auch später hörte man nie mehr von der schönen Frau, der zu Ehren sich damals die halbe Bevölkerung in die Kirche gedrängt, als sie in ihrem reichen, mit Spitzen und Hermelin verbrämten Atlaskleide, wie eine Königin vor den Stufen des Altars gekniet und sich dem ältlichen, unschönen Manne, blos weil er adelig und reich war, so sagte die böse Welt, zu eigen gab. Wenige Wochen nach der Hochzeit war ihr Vater nach kurzer Krankheit gestorben und die gnädige Frau, die immer noch schön und be- gehrenswerth war, vermählte sich nach verflossenem Trauerjahre mit einem russischen General und blieb, wie schon gesagt, verschollen. In soliden Kreisen wurde diese unerhörte Heirath eine kurze Zeit lang nicht ohne Entrüstung besprochen, aber das änderte nichts an der Sache. Die tugend ­ haften Mütter wunderten sich vergebens über den unbegreiflichen Geschmack der Männer, die eine alternde Frau ihren blühenden Töchtern vorziehen mochten und beruhigten sich nur mit dem Bewußtsein ihrer sittlichen Strenge, für welche die heutige Männerwelt nun einmal kein Verständniß zu haben schien. In die große Wohnung zog dann, nachdem sie beinahe ein Jahr leer gestanden, da sie ziemlich abgenutzt war, der ernste, gelehrte Professor aus dem oberen Erker. Die Nachbarn meinten anfänglich, er wolle sich verheirathen, aber daraus wurde nichts. Er breitete sich mit seinen physikalischen Instrumenten, Präparaten und Büchern allein in der geräumigen Wohnung aus, und selbst die ehrenvollen Rufe an andere be ­ deutendere Universitäten, die an ihn ergingen, lehnte er mit dem Bescheide ab, daß er sich hier zufrieden fühle und keine weiteren ehrgeizigen Wünsche hege.