120 geheime Rath Friedrich Balthasar von Hertingshausen war unbemerkt Zeuge dieser Scene gewesen und hinterbrachte dem Landgrafen die Nachricht von der That. Als Rudolf von Eckardsbcrg dies erfuhr, schwur er dem Veriäther blutige Rache, und führte diese auch aus. Er erwartete am 29. April 1615 mit geladener Büchse den Hosmarscholl auf dem Marställer-Platze. Als von Hertingshausen nun gegen 11 V 4 Uhr von der Morgenmahlzeit im Schloß zurück ­ kehrte, redet ihn der Hofjunker mit den Worten an „Herr Marschall, da habe ich eine schöne Büchse, die be ­ schaut' mal/ und als dieser sich ihm nähert, schießt er denselben nieder. Der Marschall, dem die Kugel in den Unterleib gedrungen war, wurde in seine Wohnung getragen und starb daselbst nach Verlauf von 6 Stunden gegen 5 Uhr Abends, nachdem er noch dem herbeigerufenen Seelsorger Paul Stein die Versicherung gegeben hatte, sich nicht er ­ innern zu können, seinem Mörder jemals ein Leid zugefügt zu haben. Ruhig hatte Rudolf von Eckardsberg nach der vollbrachten schrecklichen That die Büchse seinem Diener gegeben, und ohne einen Versuch zur Flucht zu machen, war er nach seiner in der Entengasse gelegenen Wohnung gegangen. Dem Trabanten, der ihm von dem Landgrafen nachgeschickt wurde, um ihn zu verhaften, schenkte er einen goldenen Ring Um 3 Uhr Nachmittags wurde er in den Zwehren- thurm abgeführt. Gleich bei seinem ersten Verhör erklärte er, daß er die That keineswegs bereue. Da es Sonnabend war, mußten, um den Senntag nicht zu entheiligen, alsbald mehrere Schneider ihm im Thurme die Trauerkleider und den Trauermantel an ­ messen. An dem folgenden Tage schrieb der Landgraf seinen! Sohne Otto, dem Administrator des Stiftes Hers ­ feld „diese unerhörte That, an seinem Hofmarschall öffentlich und ohnfern des Schlosses verübt, sei er willens, nach göttlichen und menschlichen Rechten seiner Reputation und seinem Amte gemäß zu strafen". Und er that cs, zwar in den Formen der peinlichen Gerichtsordnung und ohne Ansehen der Person, aber unterstützt von allzunachgiebigen Richtern, auf eine Art, welche, wie Chr. von Rommel in seiner „Geschichte von Hessen", Bd. 6. S. 634 schreibt, „unter der geheimen Triebfeder beleidigter Ehre oder peinigender Eifersucht und bei einem leidenschaftlichen Amts-Eifer entweder eine gewaltsame Unterdrückung natürlicher Mitleids - Gefühle oder eine Furcht erregende Hartherzigkeit verräth." Am 1. Mai versammelte sich das peinliche Ge ­ richt, bestehend aus dem Bürgermeister und den Schöffen von Kassel, auf derselben Stelle, wo die Blutthat geschehen, zur Hegung des Halsgerichts. Dreimal wurde der Unglückliche auf der Folter ge ­ martert, um ihm das Bekenntniß abzupressen, warum er den Mord vollbracht. Aber er schwieg; er flehte nur um Erbarmen, und fank bei der dritten Folterung, von der Größe des Schmerzes überwältigt, in Ohn ­ macht. Um 4 Uhr wurde ihm das Todesurtheil ver ­ kündigt. Am 3. Mai wurde es auf der noch blutigen Stätte des Mordes vollzogen. Vergeblich war die Bitte des unter dem Beistand zweier Geistlichen reu- müthig Sterbenden, ehrlich, d. h. mit dem Schwerte hin ­ gerichtet zu werden. Der zu Pferde die Exekution be ­ fehligende Oberstlieutenant von Köderitz, sein Lands ­ mann, rief ihm mitleidig zu: „ich wünschte, für Euch- sterben zu können". Am Fenster des Schlosses stand der Landgraf, um sich zu weiden an dem grauenvollen Schauspiele. Als der Junker von Eckardsberg denselben bemerkte, rief er: „Du Fürst, am jüngsten Tage noch will ich dies Urtheil von Dir fordern!" Un- gemildcrt wurde dann das grausame Urtheil, das grausamste wohl, das in der hessischen Justiz vor ­ gekommen, vollzogen. Nachdem der Henker den Uebel- thäter entkleidet, hieb er ihm die rechte Hand ab, schnitt ihm dann den Leib auf und — riß ihm das Herz aus und zeigte es, seine blutige Faust empor ­ hebend, dem Landgrafen, der noch immer am Fenster stand und zusah. „Gnädiger Herr/ rief er, „dies ist das falsche Herz, das Euch Treue geschworen." Dann trennte der Henker den Körper mit dem Beile in vier Theile, die im Schinderkarren auf den Forst gefahren und dort unter dem Galgen verscharrt wurden*). — Eckardsberg hatte eine Braut, eine adelige Jungfrau am Hofe, sie wurde wahnsinnig; ebenso seine Mutter, die in Raserei verfiel und an Ketten gelegt werden mußte. Für den ermordeten Hofmarschall von Hertings ­ hausen wurde eine Leichenfeier in der großen Kirche zu Kassel angeordnet, an der sich alle in Kassel an ­ wesenden Hof-, Staats- und Stadtbeamten be ­ theiligen mußten. Der Hofprediger Paul Stein hielt die Leichenrede, in der er zwar der Schwere der That, der tückischen Art der Ermordung ge ­ dachte, sowie er auch die Verdienste des Ermordeten hervorhob und die Hinterbliebenen desselben zur Ver ­ söhnlichkeit gegen die Familie des Thäters ermahnte, „weil dieser das, was ihm Urtheil und Recht ge ­ geben, nun ausgestanden, was seine verübte schreck ­ liche That v rdient, empfangen, und wenn gleich eines schmählichen abscheulichen Todes, doch mit christlicher Reue selig verstorben sei", doch findet man in seiner Rede auch Spuren des öffent ­ lichen Unwillens gegen Hertingshausen, sür den man weniger Mitleid empfand, als für Eckardsberg. Empört war man allgemein über die unmenschliche Grausamkeit, mit welcher die Hinrichtung vollzogen *) Für den Henker hatte diese Hinrichtung noch ein übles Nachspiel. Da er die Leiche nicht tief genug ver ­ scharrt hatte, wühlten sie am folgenden Tage die Schweine wieder heraus. Der Landgraf ließ ihn deshalb in's Schloß kommen und strafte ihn nicht allein mit Geld, seine Hof ­ diener mußten ihn auch mit Ruthen peitschen und darauf jagte er ihn aus dem Dienste.