85 regierenden Grafen Philipp Reinhart um Weiterverleihung der alten Freiheiten ein und begründete ihr Ansuchen folgendermaßen: „Ewer hochgräffl. Gnaden habe ich hiermit vntertänigst zue Verstehen geben wollen, daß zwar bey diesen sehr betrübten und gefährlichen Kriegszeiten") ich die bishero geübte Porcellaine Backung darumb gäntzlich einstellen wollen, dieweilen nicht nur allein ein mehreres auß- geben, alß aber einnehmen kan, indem sich fast keine Kaustleute einfinden, einfolglich an statt einer verhassten täglichen Nahrung mehr verzehren alß erwerben kann. Nachdemmahlen is) Hiermit ist der sog. dritte Raubkrieg (1688 —97) Ludwigs XIV. gemeint, in welchem die Franzosen zunächst Mainz, Trier und Bonn besetzten und von da aus die Nachbarschaft brandschatzten, dann die berüchtigte Ver ­ wüstung der Pfalz vornahmen, wobei Heidelberg. Mannheim, Speyer, Worms und viele kleine Ortschaften verbrannt und geplündert wurde». aber hochgebohrner Grafs, gnädigster Herr, diejenige arbeitsleuthe, welche sich in meinem Hauß befinden, mich fast täglich überlauffen vnd umb arbeit bitten, dabey heftig lamentiren, daß, wenn sie in meinem Hauß nicht mehr arbeiten sollen, sie nicht oaxabol anderwärts ihr Brodt zu verdienen, weniger der Obrigkeit ihren schuldigen tribut zu geben vndt dann ihrer ein Theil albereit Soldaten worden, andre aber außländische Nahrung suchen, so habe mich endlich, daß wenn nach inhalt vormahls er ­ theilter Privilegien, solches wiederumb erhalten kan, das Werk in Gottes nahmen fortzuführen, resolviret." Ame 5. Nov. 1689 wurde beschlossen, der „Balysch n Wittib das privilegium in der Poreellaine-Backung auf 10 Jahr uochmalen zil eoallrrairen." (Fortsetzung folgt.) ♦ Ein Essay aus dem Dichkerwalöe von Karl Dieser. geht die Klage durch die Welt, daß Ge ­ dichte in unserer realistischen Zeit nicht mehr gekauft würden. Und wäre dies im all ­ gemeinen zutreffend, so wäre es bedauerlich, denn ein Volk, das der Poesie abstirbt, ist selbst im Absterben begriffen, was man von dem deutschen Volke doch nicht sagen kann. Gleichwohl ist die Klage in einer gewissen Be ­ ziehung nicht ohne Grund, insofern nämlich eine begreifliche Scheu besteht, für gutes Geld schlechte Verse einzutauschen, oder zur Erkenntniß zu kommen, daß gar Viele ohne inneres Bedürfniß schreiben und daher aller Erhebung entbehren. Daraus folgt jedoch noch keine Vernachlässigung der deutschen Dichtung seitens des deutschen Volkes, und noch weniger spielt dabei die realistische Zeit eine Rolle. Vielmehr scheint mir die Uebervölkerung des deutschen Dichterwaldes jene Scheu hervor ­ zurufen, und wer will es auch läugnen, daß, trotz aller hochgesteigerteu Forderungen an Form und Inhalt, uns heute mehr als je Lieder aus diesem Dichterwalde entgegen schallen, die kaum etwas Anderes sind, als dürre, gereimte, Prosa. In einer Zeit freilich, wo die Unterhaltungs ­ blätter ihre Preis-Räthsel-Lösungen in „poetischer Form" verlangen, müssen ja die sogenannten Dichter geradezu gezüchtet werden, gezüchtet, wie die Früchte in einer Treiberei. Das ist eine Entwür ­ digung der Kunst, und gleichzeitig ein so folgen ­ schwerer Angriff auf den guten Geschmack, daß von einem solchen nur noch bei ganz Auserwählten die Rede sein kann. Mit einem Worte: wer heute seine Alltagsgedanken in gebundener Sprache auszudrücken vermag, der geht unter die Dichter, und so wird jene ganz natürliche Kälte hervor ­ gerufen, die sich der Dichtung gegenüber fühlbar macht. Der realistische Zug der Zeit hat hiermit nichts zu schaffen. Im Gegentheil, gerade nach der Seite der Dichtkunst liegt in diesem Zuge ein Etwas, das man nicht schlechtweg verdammen soll, denn es erzeugt eine Regsamkeit der Geister, die hier das Wasser von dem Weine, dort die Schlacke von dem Golde scheidet und die allein uns befähigt, alles über Bord zu werfen, was uns nicht als selbstbewußte, kraftvolle und eigen ­ artige Dichtung entgegentritt. Ich möchte aller ­ dings ohne Ideale nicht leben, aber ich bin auch nicht fühllos gegen die gesunde Reaktion, die der moderne Realismus anbahnte. Thorheit ist es, vornehm darüber hinaus zu gehen, oder gar das Kind mit dem Bade auszuschütten, weil die Be ­ wegung auch einige Ausgeburten zeitigte! Hat denn etwa jemals die echte Kunst eine andere Grundlage gehabt als den Realismus? Dringt etwas in das Volksbewußtsein, das nicht die wahrhaftigste Naturbetrachtung zur Voraussetzung