75 handelt sich um den ersten Preis in der Gemälde ­ ausstellung." „Gemäldeausstellung! Sie wollen uns foppen! Was geht das uns an? Wenn Sie weiter keine Neuigkeiten haben!" So schwirrte es durcheinander,. bis der Doktor mit einem Lächeln sagte: „Nur langsam, meine Herren! Ich glaube, die Sache wird Sie doch interessiren, wenn ich Ihnen sage, daß den ersten Preis auf der Gemäldeaus ­ stellung ein Glimpfinger erhalten hat." „Ein Glimpfinger! Was Sie nicht sagen! Aber wer? Wie heißt er?" „Ja rathen Sie!" sagte der Doktor, sich an dem Staunen der Anderen weidend. Ehe aber Einer es rathen konnte, setzte er hinzu: „Ich will es Ihnen sagen, ein junger Student der Rechte, Namens Fritz Krughöfer, ist der Glückliche." Alle fuhren in die Höhe und Krughöfer sen. nicht am wenigsten. Was war das? Sollte der Junge neben seinen Rechtsstudien noch soviel Zeit haben, um sich mit solchen Dingen zu befassen? Unwillen und Genugthuung rangen in dem Bürger ­ meister um die Oberhand und schließlich sagte er: „Nun ja, der Fritz ist begabt. Ich werd's ihm aber verbieten, erst soll er seine Examina bestanden haben." „Das wird sich wohl kaum machen," sagte der Doktor, „denn soviel ich weiß, ist Ihr Sohn in den drei Jahren seines Studiums nie im Kolleg gewesen, dagegen hat er sich als begabter Schüler der Malerakademie hervorgethan. Er hat übrigens in diesen Tagen auch formell die Juristerei an den Nagel gehängt und ist in das Atelier eines berühmten Künstlers eingetreten.,, Diese Mittheilung des Doktors wirkte wie ein Blitzschlag. Einige der Anwesenden waren aufgesprungen und starrten den Doktor an, Andere waren in sich zusammengesunken und saßen wie gelähmt. Das würdige Oberhaupt der Gemeinde Glimpfingen aber bot einen bedauernswerthen Anblick. Mehrmals öffnete Herr Krughöfer den Mund, allem Anschein nach, um etwas zu sagen, aber er konnte nur hörbar nach Luft schnappen wie ein Fisch im Sande. Endlich entrangen sich ihm die Worte: „Das ist gelogen." Ein finsterer Blick des Arztes traf ihn und mit schneidender Betonung sagte der Beleidigte: „Ihrer Aufregung, Herr Bürgermeister, halte ich es zu Gute, daß Sie mich der Lüge zeihen. Doch ich habe Ihnen die Beweise mitgebracht." Er zog aus seiner Westentasche ein halbes Dutzend Zeitungs ­ ausschnitte und warf sie auf den Tisch. „Es ist kein Zweifel!" hauchte der Apotheker. Und die Andern gaben ein unverständliches Ge ­ murmel von sich, das für den Herrn Bürgermeister nicht sehr ermuthigend klang. „Es ist nicht wahr, es ist nicht möglich, und wenn es hundert Mal in den Zeitungen steht!" Diesen Trost spendete sich Krughöfer sen., aber er selbst glaubte nicht recht daran. Der Schwer ­ geprüfte versank in eine Art Betäubung, und erst als sich ihm der Herr Pfarrer mit einigen Trost ­ worten nahte und ihn auf den biblischen Dulder Hiob verwies, kam er wieder zu sich. Er sprang auf und schrie zornbebend: „Lassen Sie mich! Der Taugenichts! Der Galgenstrick! Schimpf und Schande bringt er über seine Eltern!" Und ohne Gruß stürmte er aus dem Zimmer. „Himmel welch' eine Geschichte!" sagte der Amtsrichter. „Es bringt den Mann um!" „Er überlebt die Schande nicht!" jammerte der Apotheker. „Schande?" fragte der Doktor. „Ist das eine Schande?" „Sie können doch unmöglich die Leinwandkleckserei mit Rechtswissenschaft vergleichen wollen?" mischte sich der Referendar ein, der, seitdem er Reserve- osstzier war, die Nase mit vielem Erfolg als Sprachorgan verwendete. „Jedes hat seinen berechtigten Platz im Leben und in der Gesellschaft." „Langer Haare kurzer Sinn!" meinte der Ober- kontroleur. „Außen Sammt und innen Lumpen!" setzte der Amtsrichter hinzu. „Die reine Hungerleiderei!" sagte der Pfarrer. „Keine feste Stellung, keine Pension. Und wenn er seine Bilder nicht verkauft, he? Was bleibt ihm da übrig, als Anstreicher zu werden?" Der Apotheker erzählte eine haarsträubende Geschichte von einem Maler, der jammervoll ver ­ hungern mußte, nachdem er sich in den letzten Wochen seines Daseins überhaupt nur noch von grüner Farbe und einem Pinsel genährt hatte, was den dicken Gutsbesitzer Röhrig so ergriff, daß er sich bei der Kellnerin eine junge Gans bestellte und zugleich bei sich im Geheimen beschloß, seine sämmtlichen Sprößlinge furchtbar durchzu ­ prügeln, um ihnen bei Zeiten etwaige künstlerische Neigungen auszutreiben. Als der Bürgermeister zu Hause ankam, hatte er noch keineswegs die seiner Würde entsprechende Fassung wiedergewonnen. Er rannte wie besessen durch das Zimmer und es währte lange, bis Gattin und Töchter erfuhren, was sich ereignet hatte. „Der Taugenichts!" jammerte die Frau Bürger ­ meisterin und Klara, Sophie und Lina umarmten sich unter bitterlichen Thränen. „Was ist zu thun, Gotthold?" fragte endlich zaghaft die Gattin. „Nach der Hauptstadt will ich! Den Buben züchtigen! Die Schlange die ich am Busen nährte. Oh, oh, mein Kopf!" Er ging an den Wandschrank, wo eine geschliffene