55 besserte; zugleich ward ihm meine Geburtsstadt Rotenburg als Wohnort angewiesen. Ich erhielt Privatunterricht bei dem Rektor, nachmals Ober ­ pfarrer (seit 1835 Dekan) Wenderoth und lernte Latein, Französisch, Englisch, Geschichte und Geographie. Wir lasen schon Ovid und Virgil, als wir kaum dem Cornelius Nepos gewachsen waren. Meine übrige Lektüre war nicht die ausgewählteste, außer dem Weißeschen Kinder ­ freund, einem herrlichen Buche, das ich schon im 9. Jahre so zu sagen verschlang, las ich besonders Ritterromane jeder Art und Kotzebues und Lafontaines Schriften mit Begierde. In meinem 11. Jahre machte ich die ersten Verse (Knittel- reime). Tummelplätze der fröhlichen Schuljugend waren die Schloßblerche und die Emanuelsberge. Als ich 12 V a Jahr alt war, ward ich Fahnen ­ junker im Regiment Landgraf Karl und mußte einen steifen Zopf tragen. Mein Vater, so wenig Glück er auch im Soldatenstande gemacht hatte, blieb dennoch ein sehr eifriger Soldat und hatte alle seine Söhne (es waren damals außer Karl noch drei jüngere da) zu Soldaten bestimmt. Uebrigens that ich nur in der Exerzierzeit und bei Revüen Dienst und besuchte nach wie vor die Schule. Ich lernte tüchtig Latein. Der Vater war selbst im Lateinischen wohl bewandert und mußte mir oft bei der Vorbereitung helfen. Ueberhaupt war er ein sehr verständiger Mann; er zeichnete vorzüglich schöne Pläne, drechselte und schnitzte gut und besaß manche andere Geschicklichkeit, z. B. die in Pappe zu arbeiten*), womit er sich in den Mußestunden beschäftigte. Selten ging er aus, und auch nur mit seiner Familie, in deren Kreis er sich überhaupt am glücklichsten fühlte. Den Sommer über war seine Lieblingsbeschäftigung, einen kleinen Garten, den er gemiethet hatte, anzubauen. Als im Jahre 1805 Bernadotte mit seinem Korps durch Hessen zog, versammelten sich die hessischen Truppen in der Nähe von Kassel, und auch ich mußte mich waffnen zur Vertheidigung des Vaterlands. Anfangs wohnte ich in Vollmars ­ hausen bei meinem Vater, der einen Unteroffizier seiner Kompagnie statt meiner bei der Musketier- kompagnie, zu der ich gehörte, Dienste thun ließ, und unter diesen Verhältnissen gefiel es mir noch ganz gut. Ich ging nach dem Exerzieren mit meinem Vater oft nach Kassel, dessen Pracht des Knaben Auge blendete, und kehrte mit Kuchen und Zuckerwerk beladen in das Stand ­ quartier zurück, wo den Erschöpften alsdann ein Glas Wein, das der Vater spendete, zu erquicken *) Ein aus Pappe kunstvoll gearbeiteter Behälter für eins Strickknäuel, welches er später in der Luxemburger Gefangenschaft angefertigt hat, wird als werthvolles Andenken in meiner Familie aufbewahrt. pflegte. Nachmals jedoch erhielt das Grenadier ­ bataillon den Befehl einige Ortschaften zu besetzen, welche die Franzosen auf ihrem Durchmarsch berührten, und ich mußte nach Wellerode wandern und nun wie jeder andre Fahnenjunker Dienst thun. Das waren traurige Tage. In einem schlechten Bauernhause wohnte ich zugleich mit einem Feldwebel und Sergeanten und theilte mit ihnen Nachts ein Bette. Beide waren wohlbeleibt und nahmen mich in die Mitte. Wie mußte ich Armer da schwitzen! Morgens gegen 3 Uhr ward aufgestanden, gegen 5 Uhr ausgerückt und dann auf dem Forste bei Kassel bis gegen 11 Uhr exerziert, in der Mittagshitze nach Wellerode zurückmarschiert und dann ein dürftiges Mittags ­ mahl — gewöhnlich ein unschmackhaft zubereitetes Gemüse mit Speck — zur Stärkung genossen. Schnaps trank ich nicht, und Wein war in dem Dorfe nicht zu haben, selbst nicht einmal trink ­ bares Bier. Ich war in einer bedauernswerthen Lage, und mein damals noch sehr zarter Körper unterlag fast den Anstrengungen. Dazu mußte ich denn auch die Unfläthereien der gemeinen Soldaten hören, was noch mehr dazu beitrug, mir den Soldatenstand ganz verhaßt zu machen. Hätte ich freie Wahl gehabt, so würde ich gewiß schon damals eine andre Laufbahn gewählt haben. Wie freute ich mich, als ich in das Elternhaus zurückgekehrt war und wieder die Schule besuchen konnte! Im Frühjahr 1806 ward mein Vater nach Treysa bei Ziegenhain versetzt. Er sowohl wie meine Mutter schieden ungern von Rotenburg, wo so viele ihrer alten Freunde wohnten. Wir Kinder frenten uns eine neue Stadt kennen zu lernen. Ich erhielt Privatunterricht bei dem Rektor Siebert, einem sehr braven und kenntniß- reichen Manne, der besonders viel auf Gründ ­ lichkeit hielt und mir Gelegenheit gab manches nachzuholen, was bei dem früheren Unterricht versäumt worden war. Unsere Familie fand bei der des Rektors überhaupt sehr freundschaftliche Aufnahme, und meine Eltern versöhnten sich nach und nach mit ihrem neuen Wohnorte. .. Im Herbst 1806 erschien gleichsam eine neue Ära in meinem Leben. Ein hessisches Armee ­ korps zog sich im September dieses Jahres bei Ziegenhain zusammen; mein Vater kam nach Niedergrenzebach zu liegen, und ich diente wieder in seiner Kompagnie. Wenn ich nicht irre, so war es der 1. Oktober, als ich mit meines Vaters Er ­ laubniß und in Begleitung seines Burschen auf seinem Pferd nach dem Mittagsessen vor das Dorf spazieren ritt. Kaum 300 Schritte mochten wir uns von dem Dorf entfernt haben, da wird mein Pferd wild, bäumt sich in die Höhe, ich, ein ungeübter Reiter, verliere den Zügel, stürze vom Pferde herab, rutsche mit dem linken Bein