46 öffnete er denselben und las klopfenden Herzens die wenigen Zeilen: Sehr geehrter Herr Doktor. Von Herzen gratulire ich Ihnen zu dem großen wohlverdienten Erfolge! Ich wünsche, daß dieser Ihr künftiges Streben bestimmen und zum Segen des deutschen Theaters der Anfang einer ebenso befriedigenden als siegreichen Laufbahn für Sie werden möge! In bekannter Hochachtung grüßt Sie freundlichst Ihre ergebene Susanna von Harteggen. Sie war also doch im Theater gewesen, ob ­ gleich er trotz mannigfaltigster Inanspruchnahme vergeblich nach ihr gespäht hatte! Jedoch so sehr es auch Franke beglückte, daß sie diesen seinen ersten nach jahrelangem Ringen gewonnen Bühnen ­ sieg miterlebte, so peinlich war es ihm, wenn er sich vorstellte, wie ernst sie geblickt haben möge, als er nach den Gunstbezeugungen des Königs und des Prinzen Ludwig Wilhelm von allen Seiten wahrhaft zudringlich mit Huldigungen überschüttet wurde. Und sie hatte dies ohne Zweifel beobachtet und war davon abgestoßen worden; denn sonst hätte sie es sicher nicht unter ­ lassen , ihm mündlich zu gratuliren! Da alle Welt wußte, daß Baronesse Susanna so gut wie verlobt war, konnte sie das ja jetzt schon wagen, ohne sich wieder dem Gerede auszusetzen, sie sei sterblich in den ehemaligen Hauslehrer der Söhne ihres Vetters verliebt. Als Doktor Franke die Kritiken in den Zeitungen überflogen hatte, las er ihren Brief immer und immer wieder. Ja, dieser verrieth die herzlichste Theilnahme an seinem gestrigen Erfolge, an seinem geistigen Fortschritt überhaupt, aber im Grunde genommen, war er doch kalt und förmlich gehalten. Wie hatte er nur jemals denken können, daß dies stolze Wesen wärmer für ihn empfand als sie es vor Andern zeigte! Wie konnte er den großen Abstand zwischen einer reichen unabhängigen Erbin und einem mittel ­ losen bürgerlichen Dichter vergessen! Mit bitteren Vorwürfen vergällte Franke sich die erste Sieges ­ freude, dennoch vermochte er den Wunsch nicht zu unterdrücken, in allen geistigen Bestrebungen ihren Rath, ihr Urtheil zu hören. Was er nun einmal aus diesem schönen Munde vernahm, klang ihm wie ein Orakel, hielt er für einen unabweislichen Wink der Vorsehung. — Nach dem glanzvollen Theaterabend kamen für Doktor Franke ein paar böse verstimmte Wochen. Er hatte gemeint, daß ihn ein freundlicher Er ­ folg zu weiterem Schaffen anregen würde, fühlte sich jedoch unfähig, irgend eine neue Arbeit zu beginnen. Was ihm früher nie in den Sinn gekommen war, beschäftigte ihn in den letzten rauhen Wintertagen unausgesetzt. Es war die Frage, ob sein Talent auch wirklich stark und tief genug sei, um ihm ein ganzes Leben zu widmen und mit ihm eine gesicherte Stellung in der Welt zu erringen. Da der mittlerweile immer mehr hereinbrechende Lenz seine Verstimmung nur noch vergrößerte, kam Franke bald auf den Gedanken, daß es eine große Thorheit gewesen sei, aus Liebe zu einem freien Dichterleben seinem Berufe zu entsagen. Es kamen Stunden, in denen er es bitter bereute, die Professur in einer kleinen Universität abgelehnt zu haben. Aber Baronesse Susanna war mit aller Entschiedenheit dagegen gewesen, und er hatte in wonnigem Wahn gemeint, ihrem Rathe unbedingt folgen zu müssen. Jetzt wußte er, daß ihre Worte doch nur ein trügerisches Orakel gewesen waren und ihn eigentlich auf den falschen Weg geführt hatten. O, käme er doch nur noch einmal in die glück ­ liche Lage, in einen gesicherten Hafen einlaufen zu können! — Als der Frühling mit Macht durch die Lande zog und die schlummernden Knospen an Busch und Strauch erweckte, sah derjunge Dichter jeden Morgen in angstvoller Spannung die eingetroffenen Brief ­ schaften durch. Im April war Baronesse Susannas einundzwanzigster Geburtstag gewesen, an dem alle Welt endlich die Veröffentlichung ihrer Verlo ­ bung mit Graf Düren erwartete. Seit etwa zwei Monaten lebte die reiche Erbin mit einer gleich ­ alterigen unvermögenden Cousine und einer älteren Verwandten, die schon seit dem Tode der nach dem Vater verstorbenen Mutter bei ihr war, auf ihrem eine Stunde von der Stadt gelegenen Gute. Allein trotzdem Doktor Franke genau erfahren hatte, daß Graf Düren dort fast täg ­ licher Gast war, traf doch die erwartete Verlobungs ­ anzeige noch immer nicht ein. Statt dessen kam eines Tages ein Handschreiben vom Prinzen Ludwig Wilhelm, in dem ihm derselbe im Namen des Königs die Stellung als Hausbibliothekar der königlichen Familie mit gutem Gehalte und dem Titel als Hofrath anbot. Was sich Franke sehnlichst gewünscht hatte, wurde ihm also jetzt unverhofft und mühe ­ los zu theil. In der ersten freudigen Ueber- raschung wollte er sofort zusagen, aber dann kamen ihm plötzlich leise Skrupel, die ihn heftig zu quälen begannen. Wenn er diese Stelle an ­ nahm, die mehr Arbeit verlangte, als der ihm wohlgesinnte Prinz ahnte, dann mußte er die besten Mußestunden des Tages seiner Amtsthätig ­ keit opfern. Kam er dann aber nicht in einen qualvollen Zwiespalt zwischen Pflicht und unwider ­ stehlicher Neigung? — Ohne Zweifel würde dies oft geschehen. Aber durfte er wegen solcher Bedenken abschlagen, was er nicht allein selbst