319 A n Elisabeth Mentzel. Du zogst mit Deinen schönen Bildern, Der Heimath dichterischen Zier, Gleich wie mit stolzen Wappenschildern Vorüber an der Seele mir. Ich sah, wie Deine Feder tauchte In unsres Volkes treue Brust, Und fühlte, wie Dein Geist durchhauchte Jedwedes Bild mit Daseinslust. Was Wunder, wenn ich die Gestalten, Bald frühlingsmild, bald sturmeswild, In meiner Seele festgehalten Mit ihrer Schöpferin eignem Bild! Ist doch zu trennen nicht von jenen Dein Genius, voll Bildnerkunst, Geweiht, im heil'gen Schafsenssehnen Von Deiner Muse holden Gunst. Wenn mir nun selbst in seinem Glanze Der Heimath Zauber galt als Ruf, Und ich in neuem Liederkranze Hier Bilder und Gestalten schuf: Sag' an, wem könnt' ich lieber legen Die Liederspende in die Hand, Als Dir, die dieses Zaubers Segen In seiner Tiefe selbst erkannt? Nicht stürmen diese neuen Lieder Hin mit der Sturmfluth unsrer Zeit; Nicht klingen sie vom Schmerze wieder, Der mit der Noth zum Himmel schreit; — Denkmäler sind es aus den Marken Der Heimath, rühm- und ehrenvoll, Und Seelen können d'ran erstarken. Zu trotzen wilder Stürme Groll. Auch das ist werth des Sängers Leier, Denn aus dem Gestern wächst das Heut'! Der übt den Geist zur rechten Feier, Der auch den Vätern Rosen streut! Dann nur hinein in's Weltgetose, Es reift der Geist, das Herz wird stark, Und nur der Feige, Thatenlose, Stählt nicht am Alten Herz und Mark. — Es würde zu weit führen, wollten wir alle in dem Werke enthaltenen prächtigen Gedichte von wirk ­ lich poetischem Werthe einzeln anführen, wir über ­ lassen es vielmehr getrost den Lesern unserer Zeit ­ schrift durch die Lektüre dieses Werkes, das in keiner hessischen Familie fehlen sollte, sich selbst ein Urtheil über dasselbe zu bilden und find überzeugt, daß sie mit uns übereinstimmen werden. „Ausgewanderte." Roman von H. Keller- Jordan. Stuttgart, Verlag von W. Kohl ­ hammer, 1893. Wieder führt uns die Verfasserin jenseits des Ozeans, dorthin, wo das brausende Wasser des Rio Grande die Grenzen von Mexico und Texas bespült, um die großen Eindrücke, welche sie in jenem fernen Lande in sich aufgenommen, in künstlerischer Ver ­ klärung wieder zu spiegeln. Und wie sie mit sinnigem Poetenauge den stimmungsvollen Zauber jener groß ­ artigen Natur erfaßte, so hat sie auch die Menschen ­ kinder, die dort drüben wohnen, scharf und genau beobachtet. Aller der Vorzüge, die wir den bis jetzt erschienenen poetischen Leistungen der Verfasserin nachrühmen konnten, erfreut sich auch ihr neuer Roman: klarer Aufbau, feine und warme Wiedergabe des Lebens, scharfe Charakterzeichnung, prächtige Naturschilderung, und dies Alles in einer Sprache, deren dichterischer Schwung sich oft zu hinreißender Gewalt erhebt. Der Adel der Empfindung, der keusche, vornehme Hauch, die das Buch durchziehen, stempeln dasselbe zu einem Herzensroman zartester Art. Und so sei denn auch dieser neue Roman unserer gefeierten hessischen Schriftstellerin auf das Beste empfohlen. Die Leser unserer Zeitschrift wird es interessiren, zu erfahren, daß demnächst von dem Sohne der Frau H. Keller-Jordan und Enkel Sylvester Jordan's, unserem hessischen Landsmanne Ricardo Jordan in Mexico, dem geist- und gemüthreichen Dichter, dem unser „Hessen- land^ viele werthvolle poetische Beiträge, und auch in seiner heutigen Nununer das Gedicht „Dämmerung auf der Prärie" verdankt, im Verlage von Hendel in Halle ein Cyclus von Uebertragungen der Gedichte des spanischen Dichters Gustavo Bec- quer erscheinen wird. Ricardo Jordan beherrscht in seltenem Grade seine Muttersprache, und so steht uns denn auch eine formvollendete Uebersetzung der Gedichte des hervorragendsten unter den neueren spanischen Lyrikern in Aussicht. Ricardo Jordan, welcher in der Republik Mexico eine hohe Stellung im Finanzfache einnimmt, hat seinem Heimathlande Hessen eine treue Anhänglichkeit bewahrt, welcher er in verschiedenen seiner Gedichte in tiefgefühlter Weise Ausdruck giebt. Wir erinnern nur an das prächtige Gedicht „Mein Hessenland", das er in Nummer 10 des Jahrgangs 1887 unserer Zeitschrift veröffentlicht hat. Burg Gleiberg. Ein Führer für Fremde und Einheimische. Gießen, Verlag von Emil Roth. Herausgegeben vom Gleiberg-Verein. (VIII., 80 S.) Bereits im Jahre 1837 hatte sich ein Verein zur Erhaltung der Burgruine Gleiberg bei Gießen ge ­ bildet. Wenngleich derselbe Mancherlei leistete, so schien er doch Mitte der siebziger Jahre einem unrühmlichen Tode durch Altersschwäche entgegen ­ zugehen, und der gänzliche Verfall des alten Berg ­ schlosses in nächster Aussicht zu stehen. Nachdem der Verein jedoch 1881 vornehmlich durch die Be ­ mühungen des Geheimerais Prof. H. von Ritgen, des Prof. Gar eis und des Landrats von Tiescho- witz zu neuem Leben erwachte, wurde der Wieder ­ ausbau der Burg und die Herrichtung geschmack ­ voller Räume zu geselligen Zwecken mit dem leb ­ haftesten Eifer vorgenommen. Gegenwärtig stehen ein stattlicher Saal mit alldeutscher Einrichtung und drei kleinere trauliche Räume Gästen zur Verfügung. Vorstehende Schrift sucht nun das Interesse für