272 Nach einer Notiz in den „Hessische Erinnerungen, aus den Papieren eines verstorbenen kurhessischen Offiziers" soll aber die Behauptung Gerland's, Canova habe die marmorne Napoleonsstatue für Kassel gearbeitet, nicht zutreffend sein; es sei dies vielmehr, wie oben angegeben, ein fran ­ zösischer Künstler gewesen. Die französische Statue aus karrarischem Mamor, den Kaiser Napoleon in Jmperatorenkleidung darstellend, hat bis zum Ende der westfälischen Regierung im Jahre 1813 auf dem Königsplatze gestanden, wo sie dann vom Volke verstümmelt und von der hessischen Regierung ganz abgenommen wurde, um in ein herrschaftliches Materialienhaus ver ­ bracht zu werden. In die westfälische Zeit füllt auch die An ­ fertigung eines Grabmals für den westfälischen General Du Coudras durch Henschel. Das Monument wurde auf der kleinen Bassininsel zu Schönfeld errichtet: es bestand hauptsächlich aus Relieftafeln, welche in Erz gegossen und in Marmor eingesetzt waren. Bei dem Sturze des Königreichs Westfalen soll dieses Denkmal von den Freunden des Generals zerstört und in Stücken, soweit sie transportabel waren, nach Frankreich mitgenommen worden sein. Henschel, einmal in seine Heimath, in das Haus seiner Eltern, in den Schoost seiner Fa ­ milie zurückgekehrt, verblieb nun in seiner Vaterstadt und verlebte hier die schönsten Jahre seines Lebens. Eine hohe Gönnerin wurde ihm die Kurprinzessin, nachmalige Kurfürstin Auguste. Selbst Künstlerin, lernte sie Henschel, auf den sie durch den Maler Bury aufmerksam gemacht worden war, in seinen sinnigen Werken schätzen. Sie ließ durch ihn die Büsten ihrer drei Kinder Karoline, Friedrich Wilhelm und Marie aus ­ führen. Diesen Kunstwerken wird ebenso sehr vollendete Technik, wie sprechende Aehnlichkeit nachgerühmt. Von der Kurprinzessin Auguste von Hessen im Verein mit ihrer Schwester Marie, der Königin von Holland, wurde Henschel eine künstlerische Ausgabe gestellt, bei deren Lösung er die ganze Innigkeit seines gefühlvollen Wesens zur schönsten Darstellung bringen konnte. Es geschah dies in der lebensgroßen Figuren ­ gruppe, einer halb knieenden Caritas, welche zwei Kinder an sich drückt. Hier ist dem seligen Muttergefühle und der zärtlichen Kindesliebe ein wunderbar befriedigender Ausdruck verliehen und der edle Stil erinnert unwillkürlich an die Antike. Die Figur der Mutter mit etwas geneigtem Haupte ist in faltige Gewandungen eines anschließenden Kleides und eines Mantels züchtig gehüllt, während die beiden Kinder unbekleidet von den Armen der Mütter mit dem Ausdrucke der reinsten natürlichsten Unschuld herablächcln. Die Vollendung dieses schönen Kunstwerkes fällt in das Jahr 1818. Am 10. Juli 1818 wurde Henschel zum Mitglicde der Akademie der bildenden Künste in Kassel ernannt. Hierin lag für ihn ebenso sehr eine Anerkennung seines Werthes als Künstler, gleichwie ein Antrieb zu neuen künstlerischen Produktionen. Und diese sollten nicht ausbleiben. In jener Zeit fertigte er die Büsten des Malers Bury und des Göttinger Professors Lichtenbcrg an. Der im Jahre 1825 erfolgte Tod des be- rühmteir Baumeisters Jussow veranlaßte Henschel, die trauernde Kunst, durch eine auf einer abge ­ brochenen Säule sitzende männliche Figur dar ­ gestellt , zu modelliren, als ein Denkmal für jenen Mann, welcher einst an der Kasseler Akademie sein Lehrer gewesen war, dem Hessen so viele bedeutende Bauten verdankte. Wir übergehen hier die kleineren Kunstwerke Henschel's aus jener Zeit und wollen nur noch anführen, daß die Anwesenheit der fast nur aus Löwen verschiedenen Geschlechts und Alters bestehenden Menagerie van Aken's in Kassel ihn dazu anregte, dieses edle Thier in verschiedenen Situationen zu studieren und darzustellen. Hier ­ durch entstanden verschiedene Löwengruppen, darunter eine Reliefgruppe kleiner in Kassel zur Welt gekommenen Löwen, sowie ein liegender junger Tiger. Der kunstliebende Kurfürst Wilhelm II. über ­ trug Henschel die Ausführung eines Grabmals für seinen am 15. Januar 1822 verstorbenen Sohn, den jungen Grafen Julius Wilhelm Albert von Reichenbach, eine Aufgabe, die einen reichen Gegenstand seiner Phantasie bot und die er in glänzender Weise loste. Ein die Gruft schließender Sarkophag aus weißem Marmor ist mit einem Relief von Henschel's Komposition geschmückt, auf dem ein knieender Engel einen Knaben, welcher die Seele des Verstorbenen vor ­ stellen soll, in seinen Schovß aufnimmt. Dieses Denkmal gehört zu den schönsten Zierden des älteren Kasseler Todtenhofes. (Fortsetzung folgt.)