265 schöne Beute haben sie lange nicht mit nach Haus gebracht; sie wird den kleinen Geschwistern Körbchen und Ketten davon machen, es bleiben doch noch genug zum Verkauf.— — Aber da was leuchtet da im Grase? Jst's ein Geldstück, o, das käm ihr grade recht! Jetzt hält sie's in der Hand, eine schwarze, lederne Geldtasche, deren blanken Verschlußknopf sie in der Sonne blinken sah. „Gefunden, o, was ich gefunden habe," jubelt sie, aber die andern alle, die ebenfalls eifrig mit Suchen beschäftigt sind, achten nicht auf sie. Da kommen rasche Schritte den Weg entlang. Das Mädchen hört's und wendet sich nach dem Geräusch um. Es ist der jüngere der beiden Herren, die vorher an ihnen vorbei gegangen sind. Halb unbewußt läßt sie ihren Fund in die Tasche gleiten. Jetzt spricht der Herr die Kinder an: „Hört, ihr Kleinen, habt ihr nichts gefunden?" Die stehen da und schaun ihn dumm verlegen an, nur die eine große, blonde, sucht achtlos weiter. „Wir haben vorher hier ein Portemonnaie verloren, wenn einer von euch es findet, erhält er eine gute Belohnung." Wieder sucht sein Auge den Boden, er geht ein paar Schritt auf und ab. „Hier muß es doch gewesen sein, Onkel beschrieb mir genau die Stelle, wo er sein Taschentuch zog. Und ihr habt nichts gesehn?" Ne, erwiedert der große Junge, mä hon nix gesehn. „Marie! wo is' ds Marie gebliewen? Marie, der Schweizer kimmt!" Ja, dahinten kommt der Schweizer, der Auf ­ seher des Parkes. Es ist verboten, auf den Rasen zu laufen, verboten, mit Stöcken und Steinen nach den Kastanien zu schlagen, die Kinder wissen das genau und wenden sich nun eilig zur Flucht. „Wo is ds Marie?" Der junge Mann geht auf den Parkwächter zu und klagt ihm seinen Verlust. „Glauben Sie, daß eins der Kinder das Portemonnaie an sich genommen hat?" „Ich weiß es nicht, und ich möchte nicht gern die Kleinen unschuldig anklagen, aber cs ist am wahrscheinlichsten, daß die Geldtasche hier an diesem Platz zu Boden fiel, und die Kinder waren vorher schon hier." „Nun, auf jeden Fall nehme ich sie in's Ver ­ hör. Nachher erstatte ich Ihnen Bericht. Ich komme später nach der Bellevue. Wollen Sie mich da erwarten?" Mit seinen langen Beinen ist er hinter den Kindern her, die mit dem Wägelchen , und den vielen unbeholfenen Beinchen, die noch nebenher trotten, nicht so schnell vorwärts kommen. Der andre eilt zurück zu der Ruhebank, wo sein Be ­ gleiter sich niedergelassen hat und schlägt dann mit diesem den Heimweg ein. Und Marie, die hübsche, blonde Marie, die sich mit ihrem Fund in's Gebüsch geschlichen hat? Da steht sie athemlos mit klopfenden Pulsen und hält, die Hand in der Tasche, das Portemonnaie fest umklammert. Ihren Fund? Jst's noch ein Fund oder ist's Diebstahl? Warum hat sie ihn nicht dem jungen Mann vor die Füße geworfen? Ihre Gefährten sind davon gegangen, sie hat's gesehen, die Schwester fuhr den kleinen Bruder. Was wird die Mutter sagen, wenn sie ohne die große Marie anlangen, und was, wenn sie, so ganz allein, hinterherkommt? Vielleicht, wenn sie jetzt aus dem Buschwerk hinaus eilt und den Weg entlang rennt, holt sie die andern noch ein. — Sie geht ein paar Schritte auf die Lich ­ tung zu. Hier kann sie die ganze Allee über ­ blicken. Da — weit hinten, sieht sie die Kinder, der Schweizer spricht mit ihnen. O, vielleicht hält er die für die Diebe. Wahrhaftig, jetzt sieht er den ganzen Wagen nach, Gott sei Dank, daß er da nichts findet. Aber sie, sie — glutrot steigt es ihr ins Gesicht. Soll sie vorgehen und sagen sie habe das eben erst gefunden? — Ach niemand würde ihr glau ­ ben, und sie schämt sich so. Jetzt steigen die beiden Herrn den Berg hin ­ auf. Ganz nah an ihr vorbei, aber das dichte Buschwerk deckt sie. Wie mühselig wird dem Alten der Aufstieg, wie langsam geht's vorwärts. Und sie eilt tiefer ins Gebüsch, immer tiefer, und klimmt dabei höher, immer höher. Fast hat sie den Gipfel erreicht, der Helle Kies der Promenade schimmert durch das Strauchwerk. Lebhaft ist's da oben, unzählige Spaziergänger wogen auf und ab. Ach, wenn sie auch da oben wäre. Unter den vielen Menschen würde sie sich ver ­ lieren, Niemand würde auf sie achten. — Aber wenn sie auch glücklich nach Hause gelangte, wie soll sie dann ihrer Mutter und dem strengen Vater gegenüberstehn? Ach, sie sind immer ehr ­ lich gewesen, die Eltern und die Geschwister immer! Und sie, und sie? Fortschleudern will sie den Fund und durch das Gesträuch hindurch ­ brechen — aber, wenn man sie nun da oben schon erwartet? Da stehn sie gewiß, die Herren und der Schweizer, um sie in's Verhör zu nehmen. Jetzt könnte sie nicht mehr leugnen, und sie bliebe dann, auch wenn sie es nicht mehr in Händen halte, doch die Diebin!