72 oder wurde , falls der Delinquent sich gar nicht besserte, des Landes verwiesen; so erging es z. B. im Jahre 1643 einer Weibsperson in Kassel, Marx Zeisen's, eines Kleibers aus Fambach Ehefrau, von der es in dein betreffen ­ den Protokoll heißt, daß sich nicht nur die Nachbarschaft, sondern ihr eigener Mann über ihr gotteslästerliches Fluchen entsetzte. Auf ge ­ schehene Klage wurde sie bedeutet, sich hier ab ­ zuschaffen, und auch ihr Gatte, der doch eigentlich ganz unschuldig war, mußte ihr zur Gesellschaft mitwandern. — Daß auch gegen das übermäßige Trinken sehr geeifert wurde, habe ich bereits gesagt. Merk ­ würdiger Weise aber verzieh man dies in unseren Augen weit schwerere Vergehen damals leichter als das ebengenannte Fluchen und Schwören, wie z. B. die von Robert von Mohl veröffentlichten Protokolle des akademischen Senats der Universität Tübingen aus dem 16. Jahrhundert beweisen. So wird u. a. ein Student, der einem Manne die Hand abgehauen, auf Fürbitte des Hofrichters aus dem Carcer entlassen; ein anderer, der einen Kommilitonen gestochen, daß ihm die Ge ­ därme bis auf die Erde gehangen, mit kurzer Carcerstrafe belegt. Ein Student aber, weil er um Mitternacht auf der Straße „gräulich Gott gelästert", zuerst mit Carcer belegt; darauf wird ihm eröffnet, daß, ob man zwar Ursache hätte, strengen Weg mit ihm zu verhandeln, man seiner Eltern und Jugend schonen und ihn nur sogleich aus der Stadt wegschicken wolle. Ver ­ gebens, daß der Unglückliche unter Thränen um acht Tage Aufschub bittet. Und das Alles, weil er „Hunderttausend-Donner-Sakrament" und „das Feuer soll vom Himmel fallen" geflucht hatte. Dagegen kann die Nachwelt der Regierung wie der Geistlichkeit nicht dankbar genug sein für die Strenge, mit der beide die fleischlichen Vergehungen ahndeten. Der unheilvolle Krieg hatte gerade in dieser Hinsicht der Moral des Volkes die allertiefsten Wunden geschlagen. Die Vorstellung von der Heiligkeit der Ehe war in der Wurzel erschüttert, und bei der mächtigen Lebens ­ lust, die regelmäßig nach furchtbaren Krisen, wie Kriegs- und Pestzeiten, in der zurückgebliebenen Menschheit zu erwachen pflegt, war es zu be ­ fürchten, daß Zucht und Sittlichkeitsbegriffe für immer verloren gingen. Nur die strenge Handhabung der Kirchenbuße, abgesehen davon, daß auch der Staat die Kon ­ travenienten bestrafte, vermochte auf dem Lande den physischen Trieben zu gebieten, während in den Städten die Mode und die Etiquette, so ­ zusagen die Anstandsgesetze, vielfach an die Stelle der fehlenden Moral traten. Ehen brauchte der Staat, die furchtbar dezi- mirte Volkszahl zu ergänzen, weshalb zumal die Ehebrecherinnen die furchtbare Strafe der Ent ­ hauptung mit dem Schwerte traf; indes die losen Weiber an den Schandpfahl, den sog. Gag, gestellt, dann des Landes verwiesen wurde». Dieselbe Strafe traf unter Umstünden auch die Männer, wie es z. B. dein Bettelvogt Barthel Zinn in Kassel erging. Sv arbeiteten also Regierung und Geistlichkeit zusammen an der Hebung der Sittlichkeit des Volkes. Sein Werk zu krönen und seinem Lande eine dauernde und gleichmäßige kirchliche Verfassung zu geben, ließ Landgraf Wilhelm VI. sodann die Kirchenordnung ausarbeiten, welche alle im Vorhergehenden angeführten Bestiinmungen 511= sammenfaßt und zugleich den der hessischen Kirche zu Grunde liegende Lehrbegriff enthält. Sie verfällt in die Reformations-, Presbhterial- oder Acltesten-, Konsistorial- und endlich die eigentliche Kirchenordnung und erschien sämmtlich im Jahre 1657. Ohne auf ihre immerhin interessante Ent ­ stehungsgeschichte hier weiter einzugehen, will ich nur bemerken, daß die Kirchenordnung, die ja bis auf den heutigen Tag in der hessischen Kirche zu Recht besteht, ein unvergängliches Denkmal Landgraf Wilhelm's VI. ist, insofern dieser wahrhaft humane Fürst durch sic die unheilvolle Spaltung, welche in dem Bekenntnißstande des hessischen Volkes die beklagenswerthe Einführung der Verbesserungspunkte und des reformirten Bekenntnisses durch Landgraf Moritz hervor ­ gerufen hatte, nach Kräften wieder auszugleichen bemüht war. Ja, das reformirte Bekenntniß kommt darin so wenig zum Ausdruck, daß die Veröffentlichung der neuen Kirchenordnung eine geharnischte Gegenenerklärung der damaligen Kasseler Geistlichkeit hervorrief, deren Widerstand nur durch einen Machtspruch des Landesherr» als summus episcopus niedergeschlagen wurde. Eben dem Wunsche, wenigstens. unter den Bewohnern seines Landes Eintracht und gegen ­ seitige brüderliche Duldung in Religioyssachen herbeizuführen, entsprang später auch die Ein ­ ladung, welche Landgraf Wilhelm VI. iin Jahre 1661 an die Professoren der beiden Landes- universitüten Marburg und Rinteln ergehen ließ, in Kassel zu einem Religionsgesprüche zusammen ­ zutreten. Reformirterseits erschienen die Marburger Professoren Hein, ein geborener Gudensberger, und Curtius; von Seiten der Rinteler lutherischen Professoren Musäus und Henichen (Henichius). Unter dem Vorsitze der landesherrlichen Kommissare Johann Kaspar von Dörnberg, Johann Heinrich