70 apitän Mcheller. Mach der Erzählung eines Gerstorbenen. Von Wilhelm Dennecke- (Fortsetzung.) Es mochte, wie gesagt, ein Jahr verflossen sein, da erhielt eines Tages meine Frau den Besuch eines Fräuleins Bender, einer Nichte des Kapitäns. Ihr Vater hatte ebenfalls dem Offizierkorps angehört und war vor Kurzem ge ­ storben; er hatte in einer von der Residenz ent ­ fernten Garnison gestanden, war aber von seinen jungen Jahren her mir und manchem anderen älteren Offizier in der Hauptstadt wohl bekannt gewesen. Fräulein Bender, welche schon frühe ihre Mutter verloren hatte, überraschte uns durch die Mittheilung, daß ihr Onkel sie zu sich ge ­ nommen habe, denn bis jetzt war der alte Jung ­ geselle und Sonderling stets sehr abgeneigt ge ­ wesen , eine Frauenhand um sich walten u lassen. Als ich die junge Dame, ein ein erzogenes hübsches Mädchen, auf manche kleine Eigenheiten des früheren Freundes hin ­ wies, denen sie Rechnung tragen möge, meinte sie mit einem herzigen Blick: Mit Lust und Liebe lasse sich Vieles erreichen und die habe sie in ihren neuen Wirkungskreis mitgebracht. Wir wünschten ihr das Beste und trugen ihr die herzlichsten Grüße an den Kapitän auf. Einige Tage später machte meine Frau dem Fräulein Bender einen Gegenbesuch und wußte, als sie nach Hause kam, nicht genug über Scheller's Wunder ­ lichkeiten zu erzählen. Er hatte sie, seine ursprüng ­ liche Galanterie nicht verleugnend, in der liebens ­ würdigsten Weise in seiner Wohnung herum ­ geführt und dabei war gar manches Merkwürdige zu Tage getreten. In einer Ecke des ehemaligen Spielzimmers standen immer noch die versiegelten Ballen mit dem Tabak. In Schellers Wohn ­ stube waren auffallend große Ansammlungen von Fliegen bemerkbar gewesen und meine Frau hatte, ohne sich dabei etwas zu denken, ihre Ver ­ wunderung darüber ausgesprochen. Sogleich war Schellers Gesicht ganz verändert geworden und mit seinem gezwungenen Lachen hatte er gesagt: „Ja, ja, merken Sie das auch? Wer sollte es auch nicht! Wo sie herkommen, diese Thiere — ? Meine Feinde bringen sie her! Sie sammeln sich die Eier in Federspulen, be ­ suchen mich, thun freundlich mit mir und streuen sie dann in die Dielenritze. Sie gönnen mir mein bischen Ruhe nicht!" Dabei ließ er aber ganz außer Acht, daß in dem Hause eine Gastwirthschast mit Ausspann war, welcher Umstand die zahlreichen Fliegen sehr leicht erklärlich machte. In einem anderen mit ganz dunkler Tapete versehenen Zimmer befand sich weiter Nichts, als ein schwarz angestrichener Sarg und ein Schemel. „Um's Himmelswillen. Herr Kapitän", hatte meine Frau bei diesem Anblick ausgerufen, „was soll denn das bedeuten?" Lächelnd war von ihm der Deckel in die Höhe gehoben worden — in dem Kasten befand sich wohlgeordnet eine von ihm selbst angelegte Käfer- und Schmetterlingssammlung. So wußte er Allem ein eigenartiges, düsteres Gepräge zu geben, Fräulein Bender aber schien sich ganz zufrieden bei ihrem Onkel zu fühlen. — Nach diesem Besuch kam Scheller zum ersten Male an dem Geburtstag meines Söhnchens, das seinen Vor ­ namen führte, wieder zu uns, aber leider waren meine Frau und ich gerade ausgegangen. Das Dienstmädchen öffnete ihm die Kinderstube und sah noch, wie er alle Taschen voll Spielsachen, den kleinen Christian aus den Schoß nahm und mit ihm zu schäkern anfing. Das Mädchen ging hinaus — nach einigen Minuten hörte sie plötzlich die Thüre heftig zuschlagen — sie eilte aus der Küche und erblickte den Kapitän, wie er, mit verzerrtem Gesicht, unter gellendem Lachen und lautem Husten die Treppe hinunterstürzte. Drinnen fand sie meinen Jungen weinend und von den Spielsachen nichts, als einen großen Hampelmann, den Scheller wahrscheinlich in der Eile verloren hatte. Weder das Mädchen, noch wir, wußten aus dem Kinde herauszubringen, was geschehen war. Erst später sollte uns etwas Klarheit darüber werden. Meine Frau war mit Christian an einem hübschen, aber etwas windigen Herbsttag auf einen der Plätze der Residenz spazieren gegangen, als der Kapitän daher kam und sie anredete. Er war ganz heiter und gesprächig und als er nach Christian fragte, rief meine Frau den Jungen, welcher in der Nähe herumspielte, zu sich. Er sprang herbei und da die Luft ihm bett Hals etwas trocken gemacht haben mochte, räusperte er sich ein wenig, indem er dem Kapitän das Hündchen gab. Da fing dieser sich ebenfalls zu räuspern an, aber auf eine ganz übertriebene Weise, schnitt eine schreckliche Fratze, hustete so laut und anhaltend, daß es über den ganzen Platz hin ­ schallte, sodaß die Leute stehen blieben, und ries: „Fängst du auch schon an?!" Dann ging er, ohne Abschiedsgruß, mit langen Schritten davon.