327 Und der Bischof und die Priester, von der Menge fromm geleitet, Hoben ehrfurchtsvoll den Leichnam auf die Bahre, schon bereitet, Trugen ihn zur Kathedrale mit gemess'nem, ernstem Gang; Durch die hohen Hallen brauste feierlicher Lobgesang. Auf den Knieen lag das gläub'ge Volk in Andachts- gluth versunken; Leid und Wonne, Dank und Wehmuth sprühte auf in lausend Funken; Sieh', da nahte durch die Pforten langsam eine ernste Schaar: Fulda's Mönche, die erles'nen, schritten zu dem Hoch ­ altar. Bahn bereitend war die Menge achtungsvoll zurück ­ getreten : „Seht, die Söhne sind gekommen, bei des Vaters Staub zu beten!" Also flllstert's, während diese niederknie'n am Todten- schrein Und mit heißen Thränen netzen des Apostels kalt' Gebein. ,Sei gegrüßt, geliebter Meister, Christi Hand, die Dich geleitet Zu der hohen Himmclsheimath, hat die Krone Dir bereitet, Eine hehre Marterkrone lieh sie Dir zum ew'gen Ruhm, Doch der Leib, der sie erstritten, bleibe unser Heilig ­ thum". — „Hast Du selber doch bestimmt ihn uns zum kost ­ baren Vermächtniß! Die es anders wenden wollen — ehrten die wohl Dein Gedächtniß? Nein, nie wäre Deiner Fürsprach würdig, wer mit frevler Hand Fulda, das erwählte, trennte von dem Stifter, gott- gcsandt!" Dumpfes Murren in der Menge. Doch die Mönche ohne Zagen Hoben stark empor die Bahre, heim den theuren Schatz zu tragen; Und — ein Wunder traun, zu nennen! — Keiner bot mehr Widerstand, Denn ein hohes Himmelswaltcn ward von Allen da erkannt. Wie die Stromfluth sich ergießet, zog's durch Wälder hin und Auen — Welche Schaar von mächt'geu Herren, welch' ein Kranz von edlen Frauen! Kinder, Greise, Alles folgte; — einem Siegeszuz cs glich: Wahrlich, den Apostel ehrend, ehrte Deutschland selber sich! - Und die Glocken klangen wieder voll und mächtig im Chorale, Bis die Fahrt an's Ziel gekommen in dem buchen ­ grünen Thale; Dort, wo leis' die Fulda rauschte, lag die Stätte gottgeweiht, Die als Hort des Christenglaubens war erwählt für alle Zeit. * * * Ein Jahrtausend zog vorüber schon der gnadenvollen Stelle, Doch lebendig unversiegbar strömt die reiche Segens ­ quelle, Wo die Hirten und die Heerde allzeit fleh'n mit frommem Gruß: „Bitt' für uns, die wir noch ringen, heil'ger Boni- fatius!" Und so viel auch der Geschlechter wechselten im Lauf der Zeiten — Dem Apostel treu und dankbar würd'ge Ehre zu bereiten: Immer war's des glaubensstarken Volkes freudig ­ stolzer Ruhm, Immer blieb sein Grab, das hehre, Deutschlands Hort und Heiligthum. Jüngsthin von den Grabeshütern ging ein Ruf durch alle Gauen: „Helft die Stätte wieder schmücken, deutsche Männer, deutsche Frauen!" Die den Ruf Ihr habt vernommen, schließet karg nicht Eure Hand — Zeigt, daß Dankbarkeit noch heute lebt im deutschen Vaterland! Fulda. I. Hra«. Spälherlrstblatt. Noch hatten jüngst die Bäume Ihr herbstlich schönes Kleid; Sie träumten süße Träume, Weil noch der Winter weit. Da ist der Sturm gekommen In arger Wetternacht Und hat mit fortgenommen Die bunte Blätterpracht. Sie, die der Herbst gewoben Im Nebelsonneustrahl, In alle Welt zerstoben Ist sie mit einem Mal.