168 derselbe ein ächter Dichter sei, merke man am meisten daran, wie er Naturgegenstände be ­ handle. Er beschreibe nicht, suche auch nicht lange nach gewählten Worten, aber er belebe das Kleinste durch seine schlichte und doch kraft ­ volle Darstellung. Auch wisse er den einfachsten Dingen seelische Vertiefung zu geben und, wenn auch einmal die Form nicht ganz vollendet sei, durch ungesuchte Ursprünglichkeit zu wirken. Nur eins hatte Frau Doktor Justi än dem Und des Dichters Lieblingsbäume streu'n darauf die Blüthenflocken Und dazu das Festgeläute läuten schöne Blumenglocken. — Wenn im Herbst die Blumen welken, gelb sich färben Hain und Hecke, Deckt Natur den stillen Hügel freundlich zu mit weißer Decke. Wenn die goldne Abendsonne hier im Westen ist versunken, Streut der Mond auf diesen Hügel seine hellen Silber ­ funken. Durch das grüne Laubgeflechte strahlen dann die ew'gen Sterne, O, in diesem schönen Haine weil ich an dem Abend gerne! Stille herrscht dann um den Hügel, ihn umlagert süßer Friede, Wenn des Mondes Silberschimmer glänzt um's Grab der Pyramide. Fernher hör' ich Glockentöne, die zur Abendruh' erschallen, Freunde, nach dem schönen Haine laßt uns oft noch heiter wallen. poetischen Lohgerber auszusetzen. Sie meinte, er müsse sich durch die kleinbürgerlichen Verhältnisse nicht von einem höheren Aufschwung seines Talentes abhalten lassen, dürfe auch nicht so viel Gelegenheitsgedichte schreiben und „seinen guten Wein nicht schoppenweise an Leute verzapfen, die den Werth davon gar nicht zu schätzen wüßten". Dieser Ausspruch machte einen so großen Eindruck auf mich, daß sich jedes Wort der geistvollen Frau unverwischbar meinem Ge ­ dächtnisse einprägte. (Schluß folgt.) Das Grab befindet sich im sogenannten Forstgarten am Cappeler Berge bei Marburg. Der hier bestattete Sänger ist der 1822 verstorbene Dr. Karl Ludwig Eber ­ hard Heinrich Friedrich von Wildungen. Er war Kurhess. Oberforstmeister und nach seiner Biographie in „Strieders Hess. Gelehrten-Gesch." B. 17, S. 53 und B. 18, S. 515 auch ein poetisch hochbegabter Mann. Wildungen war innig befreundet mit dem Professor der Rechte Eduard Platner (geb. 30. August 1786), welcher nach dem Tode des Oberforstmeisters täglich dessen Grab besuchte. Bei diesen im Sommer und Winter regelmäßig gemachten Gängen pflegte Professor Platner in der liebenswürdigsten Weise alle Kinder zu begrüßen, die ihm begegneten oder vor den Thüren der Häuser saßen. Die freundliche Er ­ scheinung dieses in meiner Kindheit bereits schneeweißen Mannes ist mir unvergeßlich und ebenso unvergeßlich die herzliche Art, die er oft bei kurzen Gesprächen mit anderen Kindern und mir an den Tag legte. Aus dem allen Waffel. I. Der Altstädter Marktplatz zur Zeit der Regierung Wilhelms II. 1821—1831. Von W. Dogge-Tu öwig. (Schluß.) Seit der Zeit haben gar viele Sitten und Gebräuche, die man auf dem Platze beobachten konnte, längst ihr Ende gefunden, namentlich solche der Juden. Eine eigenthümliche Erschei ­ nung boten noch viele von ihnen in ihrer aus lange verschwundener Zeit beibehaltenen Kleider ­ tracht auf ihrem Wege nach der damals am Töpfenmarkt gelegenen Synagoge. Da sah man noch alte ehrwürdige Gestalten in Kniehosen, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen, den Kopf bedeckt mit einem mächtigen, tief hinten in den Nacken quer gesetzten Dreimaster. Wäh ­ rend die Männer bei den verschiedensten Ver ­ anlassungen, z. B. beim Essen, ihr Haupt nach beibehaltener orientalischer Sitte nicht unbedeckt lassen durften, war den Frauen streng geboten, nichts von ihrem Haupthaar sehen zu lassen. Da es ihnen bei der Trauung abgeschnitten wurde, trugen sie alsdann beim Gottesdienst eine große mit Gold und Silber durchwirkte und mit Spitzen besetzte Haube, die um den ganzen Kopf herum einen steifen Besatz von gefaltetem Battist hatte. Das jetzt wieder aus der Mode gekommene Haubentragen nach ihrer Verheirathung hatte auch bei den Christenfrauen Eingang gefunden. Daher die Redensart: „unter die Haube kommen". Das Herannahen einer Judeuleiche wurde immer schon vorher dadurch angekündigt, daß sich eine größere Anzahl Judenfrauen auf dem Markte einfand, um sie da zu erwarten. Wenn sie vorüber war, gingen sie an den dort befindlichen Brunnen, um sich die Hände zu waschen, weil der Todte als etwas Unreines betrachtet wurde. Die Leichenbegängnisse der Juden zeichneten sich schon damals gegenüber denen der Christen durch ihre große Einfachheit aus; die des Reichen unter ­ schied sich von der des Armen nur durch das größere Gefolge. Bei diesem herrschte aber so