153 wagen und den ihn begleitenden Reitern Seile vorhielten, die dann der Bräutigam erst durch Spenden des immer reichlich mitgeführten Brannt ­ weins beseitigte. Fast täglich zog auch ein größerer Trupp Handwerksgenossen vorüber, die einem fremd gewordenen Gesellen bis zum Siechenhof das Geleit gaben, um dort den Abschiedstrunk mit ihm zu nehmen, oder eine Handwerkergilde zog in feierlichem Aufzuge mit ihren Emblemen bei Verlegung ihrer Herberge über den Platz. Einen meist recht kläglichen Anblick boten die im Sommer sehr häufigen Durchzüge der Auswanderer, die neben den mit ihrer Familie und geringen Habseligkeiten beladenen Wagen und Karren auf ihrem Wege nach Münden einherschritten, um von da aus den Weg zu Wasser nach dem ge ­ lobten Lande der Freiheit anzutreten. An einem Tage in der Woche erschienen auch regelmäßig im Sommer und Winter in ihren kurzen Kragenmänteln die Partimschüler, an anderen Orten Currendschüler und von Luther, der selbst ein solcher war, Parthekenhengste genannt um unter Leitung eines Lehrers, vor den Häusern Choräle und geistliche Lieder zu singen, nach deren Beendigung einer von ihnen mit einer Büchse in das Haus ging, um für sie milde Gaben einzusammeln. Auf Bestellung sangen sie auch bei Beerdigungen vor dem Trauerhause Choräle. An musikalischen Es ist Faschingszeit. Die Schaufenster stehen voll toller, bunter Bilder, überall blitzen dem Vorübergehenden goldene Borden, große gläserne Brillanten, messingener Flitterbehang, Hermelin von Watte und leuchtender grellfarbiger Baum- wollatlas in die Augen. Jeder, der 60 bis 100 Mark oder auch nur 30 übrig hat, kann wenigstens einmal im Jahre sein, wozu die Laune ihn treibt — ein König — ein Held — ein Narr —, natürlich etwas, wozu er im Leben nicht die mindeste Anlage hat und von dem er am himmelweitesten entfernt ist, denn Prinz Karneval stellt Alles auf den Kopf — zumeist die Gedanken. Herr Louis Wassermann steht hinter dem Ladentisch und verkauft mit devotem Lächeln und unter verbrauchten Redensarten den hübschen, bunten Kram, welcher das Aeußere der Frauen annoch von dem der Männer unterscheidet. Er Genüssen fehlte es den Marktbewohnern damals überhaupt nicht. Tagtäglich erschienen dort die beiden Orgelspieler Wettlaufer und sangen mit ihren Gattinnen die schönsten neuen Lieder, zu ­ weilen auch Arien und Duette aus neuen Opern. Auch am späten Abend erschien hier der ältere Wettlaufer noch zuweilen, spielte dann aber ernstere Weisen, ohne Gesangbegleitung. Um diese Zeit stellte auch häufig der Puppenspieler Meth sein Schattenspiel vor dem Jhläeschen jetzt Weber- schen Hause auf, die vorgeführten Bilder mit dem Gesang schöner Verse begleitend, nachdem er Tags über die Kinder mit seinem Puppenspiel trotz ihres sich stets gleich bleibenden Inhalts immer wieder von neuem erfreut hatte. Einen eigenartigen musikalischen Genuß boten auch in der Neujahrsnacht die Postillone, wenn sie, da ­ mals noch in großer Anzahl, vor dem Gasthause zum Helm auf ihren Posthörnern ihre Lieder „Schöne Laurentia mein, wann werden wir wieder beisammen sein" und dergl. zum Besten gaben. Sie standen mit den Gastwirthen in einem besonderen Verhältniß, da sie bei den zahlreichen Extrapostfahrten oft Gelegenheit hatten, den Reisenden einen Gasthof auf ein ihnen vom Besitzer in Aussicht gestelltes Trinkgeld hin zu empfehlen. (Schluß folgt.) ist Kommis in dem großen, beliebten Putz ­ geschäft der Firma „Müller und Schmidt" und kann seinen Kunden erzählen, daß soeben „die Frau Herzogin von Braganza — oder die Fürstin von Wittgenstein" vorgefahren seien. Er versichert jeder Dame, daß dasjenige, das zu kaufen sie sich nicht gut entschließen kann, sie entzückend kleiden werde und daß die Prinzessin von So und So gar nichts Anderes möge. Er ist ungeheuer dienstfertig und weiß immer, wen er vor sich hat, er liest im Gesicht der Leute, wie weit ihr Portemonnaie reicht. Er ist ein guter Verkäufer etwas verlegener Gegenstände — auch wegen seiner Orang-Utang-Arme ist er vom ganzen Personal sehr geschätzt , da er die entlegensten Kartons damit in greifbare Nähe bringt. In der Karnevalszeit kommt er sich vor wie ein Buch mit sieben Siegeln, denn er könnte -»--ö-ch-Z-- lephiflopheles und Hrelchm Ein Maskenscherz. Von m. Herbert.