139 Schwänken der häufig angewandte, ziemlich schwere Dialekt die Bühne verschlossen haben. Was ich nicht weiß, darüber können vielleicht ältere Marburger Aufschluß geben, deren Jugend in die vierziger Jahre dieses Jahrhunderts fällt"). - *) In einer dieser Lokalpossen, deren Titelblatt leider fehlt, kommt am Schluß folgender Chor der „Fidelen" vor, der wie Weintraut angibt, nach der Weise des Champagnerliedes aus „Don Zuan" von Mozart gesungen werden soll. Wer will wohl heute und wer will morgen Sich mit ernsten Gedanken bemüh'n? Wer will sich quälen und wer will sorgen, Wenn ihn Freude und Frohsinn umblüh'n! — Find'st du das Leben auf offener Straße, Nimm es am Arm und führ' es herein, Wärme und stärk' es mit schäumenden Glase Reiche ihm Liebe, reiche ihm Wein! Willst du mit Laune dann von ihm hören Horche dem Einen, dem ist es Sein, Laß' dich dann auch von dem Andern belehren Und er nennet es glänzenden Schein! Und inmitten von Beiden bleib' stehen, Halt dich am Sein und halt' dich am Schein! Damit pflegt es am Besten zu gehen, 's lebe die Liebe — 's lebe der Wein! (Wie sich der Sohn Dietrich Weintrauts erinnert, sind nach Erzählungen seiner Eltern einige Lokalpossen des Dichters in Marburg aufgeführt worden.) Da Dietrich Weintraut durch seinen engen Lebenskreis an die Schilderung solcher Menschen gebunden war, die er um und neben sich erblickte, so hat er auf dramatischen Boden nicht so festen Fuß fassen können, als auf dem Gebiete der Lyrik. Ohne seinen anderen Arbeiten zu nahe zu treten, kann man deshalb behaupten, daß seine lyrischen Gedichte die Krone seiner Leistungen sind. Weintrauts lebhafter Natursinn, den die schöne Lage und Umgebung Marburgs von früh an gepflegt und genährt hatte, sein "feurig für alles Gute und Schöne empfindendes Herz, das sind von seiner Jugend bis in sein Alter die beiden nie versiegenden Quellen seiner Poesie gewesen. Wie sich in einem kräftigen Organismus die eingenommene Nahrung hauptsächlich in frisches rothes Blut umsetzt, so gestalten sich in Weintrauts ächten Dichtergemüthe alle von außen an ihn herantretenden Eindrücke zur schöpferischen poetischen Stimmung. Erfreut sein Auge der Wald zur Lenzeszeit, erquickt ihn der Gesang eines Vogels, der Anblick eines blühenden Zweiges, einer Blume, oder berühren Lust und Weh die seingestimmten Saiten seines Herzens, so wandeln sich ganz von selbst seine Gedanken und Em ­ pfindungen zum Liede um. (Fortsetzung folgt, Kommerrracht. Tausend goldne Sterne glänzen An des Abendhimmels Pracht; Duftig liegst du, ohne Gränzen, Wundervolle Sommernacht. Jubeln möcht' ich, doch ich neige Stumm das Haupt zum Erdengrund; Wenn die Himmel reden, schweige, Schweige, armer Menschenmund. §. Saul. Die erste« Ueilcherr. Frühling war's. Im Dom zu Fulda Stand ich neben einem Priester Vor dem Altar der Maria, Die im Arm den Jesusknaben. — Als der würd'ge Herr dann leise Mich zum nächsten Bild geführet Und im Flüsterton erzählte Die Geschichte dieses Heil'gen, Kam ein kleiner, blonder Knabe Zu dem Altar der Maria, Betete mit lauter Stimme, Sah sich ängstlich um und stieg dann Rasch hinauf — und stand schon oben Vor dem Muttergottesbilde, Streichelte den Jesusknaben, Als mein würdiger Begleiter . Ihn erblickt und rasch herabhebt, Fragend: „Kind, was willst du oben?" Und der Kleine hebt das Händchen Hoch empor zum greisen Priester: „Ach, Herr, diese ersten Veilchen Sollt' das kleine Jesuskindlein Eben von mir armem Kinde In das offne Händchen haben." Himmlisch lächelnd hebt der Alte Daß der Knabe kann die Blümlein Legen in des Christkinds Hände, Ihn hinauf zum Altarbilde. Gleich den Engeln lacht der Spender, Dankbar trollt er dann zum Thore Und der Duft der ersten Veilchen Säuselt süßer wie der Weihrauch,- Unschuldsvoll, naturgeboren Auf zur Himmelskönigin! A. Hraudt.