107 rf Der Imperator stand nach dem furchtbaren Ringen auch dieses Schlachttages noch achtung ­ gebietend da, sodaß die Verbündeten für den 19. Oktober seinen erneuten Angriff erwarteten. Bei den für sein Heer mehr bedeutenden großen Verlusten und nachdem er seine letzten Reserven daran gesetzt hatte, war es unmöglich für Napoleon, ferner Stand zu halten, seine Armee würde dann gänzlich aufgerieben worden sein. Er beschloß den Rückzug und bestimmte das Korps von Rehnier, das polnische unter Poniatowski und das von Macdonald, welches viele deutsche Truppen enthielt, die, wie die Polen für ihn doch als verloren anzusehen waren, zur Deckung des Abzugs seiner Franzosen aus Leipzig. In der Frühe des 19. Oktobers, gedeckt durch den Nebel, zogen diese Korps aus den Stel ­ lungen gegenüber den Verbündeten ab, während die Armee Napoleons schon seit dem vorigen Tage durch Leipzig zurückging. Furchtbare Stunden gingen dann über die mit Verwun ­ deten und Kranken überfüllte, von den Ver ­ bündeten angegriffene Stadt, bis durch die Sprengung der Elsterbrücke allen noch auf deren rechten Ufer befindlichen Truppen des napoleonischen Heeres der Rückzug abgeschnitten wurde. Bardeleben war in den zahlreichen Kämpfen in Schlesien und Sachsen unversehrt geblieben, auch die Schlachten bei Leipzig konnten ihm nichts anhaben, obwohl sein Bataillon schrecklich gelichtet, sein Mantel durch ein Granatstück zerrissen und mit Blut und Hirn bespritzt wurde. Ueber diese Tage berichtet er „der letzte Rest meines Bataillons ist noch für das Interesse Napoleons geopfert, wobei aber über mich die Hand der Vorsehung waltete." Glücklicher als viele Tausende, welche in Gefangenschaft geriethen, war unser Freund in den Strom der in Unordnung und Gedränge abziehenden Massen gerathen, doch als ein Führer die von den Kugeln geschlagenen Löcher zeigend. „Wir hielten ihn für geisteskrank, zwei Soldaten erboten sich, ihn herabzuholen, allein er weigerte sich, ihnen zu folgen. Beim Herabstcigen der Soldaten wurde Einer derselben von einer Kanonenkugel getödet. Zch wiederholte nun dringender meine Bitten an den Müller, herab; akommen, er sei es sich und seiner Familie schuldig, sein Leben nicht muthwillig zu opfern. Da ertönte seine Stimme tief und klagend, wie nur surchlbarer Schmerz und höchster Jammer es hervorzubringen vermögen: Frau, Kinder, Vermögen. Alles habe ich verloren, habe nichts mehr aus der Welt als mein elendes Leben, ich will sterben, wo meine Vor ­ eltern starben und glücklich waren! — Das 11. Armee ­ korps mußte zurückgehen und bald befand die Mühle sich zwischen dem Feuer beider Armeen, wo sie wahrscheinlich mit dem unglücklichen Müller zusammengestürzt ist. Der Pulverdamps und der hochauswirbelnde Staub verhinderten, sie aus der Ferne zu sehen." (Nach Aufzeichnungen v. Bardeleben's.) ohne Truppe. Die Frage trat an ihn heran, wie er sein Verhalten einzurichten habe: das Königreich Westphalen war, wenn auch voreilig und unbefugt, von dem Russen Czerniczew als aufgelöst erklärt worden, König Jeröme hatte seine Hauptstadt verlassen. Daß er am 15. Oktober dahin zurückkehrte, wurde während der Schlacht wohl nicht bekannt. Die west- phülischen Offiziere hatten keinen Kriegsherrn mehr, an welchen ihr Eid sie band. Bis zum letzten Augenblicke hatten sie bei Leipzig ihre Pflicht erfüllt, jetzt waren die Uebriggebliebenen frei, wenn sie nicht eine Selbstaufopferung be ­ gehen wollten, der ebensowohl der Grund wie ein Zweck gefehlt haben würden. Die deutschen Volksstämme waren schon seit der Erhebung Preußens in immer größere Auf ­ regung gerathen, die Fremdherrschaft wollte man um jeden Preis abschütteln, begeistert brachte die Nation ungeheuere Opfer an Menschenleben und Familienglück jenem hohen Ziele. Die Stim ­ mung, durch zahllose Aufrufe und die Siegesnach ­ richten genährt und gesteigert, war den West ­ phalen in Napoleons Heere nicht verborgen geblieben, sie konnte nicht ohne Wirkung sein. Der Flüchtling, wieder in dem Schwarme der letzten von der Armee des Imperators, der er wie in Rußland den Abzug hatte decken helfen, entschloß sich in Eckartsberge die französische Armee zu verlassen und meldete sich am 22. Oktober in Apolda bei dem die Franzosen verfolgenden Hetman Platow. Der gestattete ihm in seinem Korps mitzuziehen, welches noch am selbigen Tage ein Gefecht mit der feindlichen Nachhut bestand. In Weimar erwartete er mehrere Tage die Ankunft des Königs von Preußen, welchen er um Anstellung bitten wollte. Von hier meldete er am 25. der Gattin, daß er lebe und was er zu thun gedenke, sein Brief beginnt: „Endlich ist der schöne Tag ge ­ kommen, wo ich meinen Dir bekannten, so sehn ­ lichen Wunsch, gegen Deutschlands Unterdrücker kämpfen zu können, zu verwirklichen angefangen habe. . . Mit Vergnügen habe ich daher meine beiden Decorationen abgelegt und hoffe, es soll mich bald eine andere, mir mehr Freude machende, zieren." Es war seine Absicht, sich in das Hauptquartier des Königs zu begeben um das Gesuch zu betreiben und er verließ Weimar am 31. Oktober. In Vacha wurde ihm mitgetheilt. Kurfürst Wilhelm sei in Kassel — das konnte nur Hessens Auferstehung bedeuten, die Liebe zum Heimathlande überwog alsbald die Aus ­ sichten für den preußischen Dienst, welche durch ein Gesuch an Blücher, seinem General im Jahre 1807, ihm eröffnet waren. Er begab sich nach Kassel, mußte hier aber erfahren, daß