101 »Steh auf mein Volk von Berg und Thal Und stähle Deine Rechten, Ist Frankreichs Heer auch ohne Zahl, Mit uns ist Gott, wir fechten". Und die Miliz steht Tag und Nacht In Waffen; zu Gefahren Hält sic für Landgraf Wilhelm Wacht Mit Trommeln und Fanfaren. Und wenn die Kugel pfeift und zieht Dem Feinde zum Verderben, Tönt Landgraf Wilhelms Lieblingslied: „Als Hesse will ich sterben". Der Heldengreis! Er tritt heran, Die Züge starr, im Grimme, Ein Jeder sieht den Landgraf an, Es rollt wie Donnerstimme: „SD Hessenland! Du treues Land, Ihr Helden ohne Wanken! Wer sah je reich'res Heldenband Sich um die Krone ranken? „Es ruft mein Wolf: „„Pallasche raus! Kürassiere und Gensd'armen /" Die Feinde faßt ein kalter Graus, Ja, wehe Euch! ihr Armen. „Und dort der Usenburg, der Held, Mit dem von Winzingrode, Mit Garde und Grenadier das Feld Behauptet bis zum Tode. „Wo Fürstenberg und Wutgenau So furchtlos auf mich trauen Und falscher Feinde Spiel so rauh Mit Wort und Schwert durchhanen — „Wo Geiso und der Gilsa hoch Zu Roß und ihre Reiter Mit scharfem Hieb des Feindes Joch Zerreißen — und nun weiter „Des Buttlars Jägerkorps im Lauf Und Malsburgs Krieger schlagen — Da steht kein Feindesleib mehr auf, Wo meine Hessen jagen. „Wie einst mein Ahn so unverzagt Mit Gustav Adolf kämpfte, Und sterbend noch — o tief beklagt! -- Des Feindes Stürme dämpfte, „Will ich bis auf mein letztes Blut Mil Preußen steh'n und halten. Drum Hessen auf und halte Hut Und laß Dich nicht zerspalten! „Der Kampf ist kurz. Der Sieg ist groß, Schlagt drein ihr meine Mannen! Es weicht kein Heffenfürst dem Stoß, Den Mächt'ge stolz ersannen. „Seit Heinrichs Zeit, seit Brabants Kind Das Löwenbanner schwinget. Bricht Hessens Fels den Sturmeswind Der durch die Völker dringet/ Stimmen der Vorzeit über Land und Leute in Hessen. Auf der 1595 zu Köln erschienenen Karte von Hessen von Dr. Joh. Eichmann (Dryander) ist zu lesen: Diese Landschaft gibt nach altem löblichen teutschen brauch gute fleißige bawern und verwegene Kriegsleut. Wer heut zu Tage den feinen Anstand und das taktvolle Auftreten der Marburger Herrn Studenten zu beobachten Gelegenheit hat, wird es schwer be ­ greiflich finden, daß es in dieser Beziehung einst in Marburg ganz anders war. Rudolph Walther schrieb von Marburg am 3. August 1540 an Heinrich Bullinger, den Freund und Nachfolger Zwingli's in Zürich: „Die Zucht der Sitten ist hier so beschaffen, wie sie Bachus und Venus ihrem Ge ­ folge vorgeschrieben haben. Sich volltrinken, dann übergeben, öffentlich in den Straßen herumtummeln, dessen schämt sich Niemand, das bringt vielmehr Lob und dient zu Scherz und Gelächter. Siehst Du einen Studierenden, so wirst Du zweifeln, ob es ein Soldat oder Musensohn sei. Warum sollten aber auch die Schüler sich nicht so aufführen, da der größte Theil der Professoren ebenso zu leben pflegt/ — In I. M. von Loen Schriften, Franks. 1752/53, S. 429, Bd. IV lesen wir: „Der alte Landgraf Karl stellte einen ganzen Fürsten dar. Er hatte ein geistreiches und verehrungs ­ würdiges Ansehen. Weisheit, Menschenliebe und Großmuth drückten sich in seiner erhabenen Bildung aus. Alles zeigt an ihm sowohl einen Beschützer der Künste und Wissenschaften, als einen würdigen Regenten. Prinzen, Prinzessinnen, Adel und Soldaten, alles hat an diesem Hof ein ausnehmendes und reizendes und reitzendes Wesen. Der äuserliche Glantz ist hier mit einer ungezwungenen Höflichkeit und beyde zugleich sind mit der Ehrbarkeit verbunden. Ueberhaupt habe ich die Hessen, da ich noch in Marpurg studieret, ziemlich kennen lernen. Sie sind insgesamt schöne und wohlgestreckte Leute; sie haben ein männ ­ liches Ansehen und werden mit für die besten Soldaten gehalten. Sie haben sich auch als solche bei allen Gelegenheiten rühmlich ausgezeichnet; allein sie sind dabey zur Verschwendung geneigt und dem Trunck ergeben. Sie haben nichts flatterhaftes und gezwungenes, sondern sind meist gesetzt und vernünftig, männlich, höflich, gefährlich, ernsthaft und wie Tacitus die alten Teutschen beschreibet: minax vultus et