40 nichts-merken-lassen versteht der Konrad auch. Wenn er's als Bauer nicht schon verstanden, als Soldat hätte er es gewiß gelernt. Und so sehen ihm auch die Bauerfrauen, als er mit den andern Männern die krachende Bühnentreppe hinabsteigt, nichts von dem Schmerz au, den er mit sich aus der Kirche nimmt. Ja es wundert sie nicht einmal, daß er blaß aussieht; drei Jahre Husar zu sein, ist eben keine Kleinigkeit. Auch seine Mutter, die wartend zwischen den langsam den Kirchplatz verlassenden Gruppen steht, ahnt nicht, wie ihm zu Muthe ist, als er ihr die Hand drückt und in seiner raschen Weise sagt: „Guten Morgen Mutter, ich konnte Dir nicht schreiben, wann ich käme, aber nun will ich Dir alles ausführlich erzählen." Sie geht stolz und glücklich neben ihm her — von ihren drei Söhnen war er ihr stets der liebste —, verheißt ihm gleich einen Pfannkuchen und weiß, als sie ihr kleines Häuschen am oberen Ende des Dorfes erreicht haben, schon so viel von der Stelle in Rotenburg, daß sie ihrer Nachbarin über den Bach hin zurufen kann: „Semmlern, mein Konrad kommt jetzt zu einem Herrn, der zwanzig Pferde blos zum Plaisir hat!" Wie sie aber die Pfannkuchen gebacken hat und in die Stube trägt, da sitzt ihr schmucker, stattlicher Sohn am Tisch, hat das Gesicht auf die ver ­ schlungenen Arme gelegt und schluchzt wie ein Kind. „Konrad!" ruft sie erschrocken, und er schaut sie mit den nassen Augen jammervoll an. „Mutter sag' mir nur erst eins: Jsts meine Martlis, die den Schäfer Oswald heirathet?" Die alte Frau Mai hat schon viel Trübes in ihrem Leben bestanden, ihr Mann, der frühere Schmied des Ortes, ist verunglückt, noch ehe ihr jüngstes Kind geboren war, dies und noch ein anderes sind nach langer Krankheit gestorben, aber sie hat allen Sorgen und Leiden gegenüber Gottvertrauen und Ruhe bewahrt. So nimmt sie sich auch jetzt zusammen, obwohl sie auf diese Frage nicht , gefaßt gewesen ist und spricht: „Meine Martlis? Ich meine Du hättest einen Schatz in der Stadt?" Er fährt zusammen. „Hat° Dir das Bärbchen von dem Nichtsnutz erzählt?" Sie holt statt aller Antwort ihre Bibel vom Gesims, zieht seinen vorletzten Brief daraus hervor und zeigt mit dem Finger auf eine Stelle in demselben. „Das habe ich der Martlis vorgelesen, als sie mich fragte, ob das Bärbchen wohl Recht habe, und sie hats auch geglaubt. War Dirs denn nicht Ernst da ­ mit?" Konrad zieht den verrätherischen Brief an sich heran und liest: „Liebe Mutter, ich und meine Kameraden gehen viel zusammen aus, es hat dabei jeder sein Mädchen; meins aber ist das schönste in der ganzen Schwadron." Er reißt das Blatt mitten durch. „Daß Du nicht gemerkt hast, daß das nur ein Spaß war! Wenn alle anderen Soldaten ihre Mädchen hatten beim Tanz und Spazierengehen am Sonntagnachmittag, sollte ich denn da immer allein herumlaufen? Aber ehe ich der Martlis untreu geworden wäre —" Er bricht ab, und wieder stürzen ihm Thränen aus den Augen. „Mutter erzähl' mir alles! Ich hatte die Martlis ja gar zu gern!" Und während er gehorsam den Pfannkuchen hinunterzwingt und die Kaffeetasse leert, die sie ihm eingeschenkt hat — Suppe und Fleisch giebt es Sonntags bei ihr erst am Abend — erzählt ihm die Mutter die ganze traurige Geschichte. Wie der alte Köthe durch einen schlimmen Fuß und einen unglücklichen Kuhandel in Schulden gerathen sei und bei dem Bürgermeister und dem Juden Katz geborgt habe, wie er und die Martlis sich abgequält hätten, um alles wieder ins Gleiche zu bringen und wie dann durch den Tod der Schäferssrau die Sache eine andere Wendung genommen habe. „Siehst Du und wär' der Oswald nicht ein so roher Trunkenbold," schließt Frau Mai ihren Bericht, „so hätte es ja gar nicht besser für Küthes kommen können, Du hättest ihnen ja doch so viel Geld nicht vorstrecken können." „Aber ich hätte es vielleicht in der Stadt aufgetrieben!" ruft er außer sich, „mein Rittmeister —" „Zerbrich Dir nur den Kopf nicht mehr, Konrad, wie's Gott gefügt hat, wirds am j besten sein." Aber an eine Fügung Gottes zu glauben bringt der arme Bursch nicht fertig. Er steht auf. „Wann soll die Hochzeit sein, Mutter?" „Bis Dienstag." „Dann will ich jetzt einmal nach Heubach hinauf und der Martlis Adieu sagen." „Bleib' lieber hier, Konrad! Es hilft ja nun doch nichts mehr." „Es schadet auch nichts. In einer Stunde bin ich wieder hier." Er setzt die Mütze auf und geht, erst schnell und sicher, dann immer langsamer. Als er endlich in Heu ­ bach vor dem kleinen Kötheschen Anwesen steht, möchte er am liebsten wieder umkehren, da fällt ihm das Loos in seiner Brusttasche ein, und entschlossen öffnet er die Hausthür. Tiefe Stille herrscht im Innern, nur ein erschrecktes Huhn macht lauten Spektakel, indem es den Ausgang in den Garten sucht. Konrad folgt ihm und einen Augenblick später sieht er sich Martlis gegenüber. Sie sitzt unter dem alten Birnbaum, der seine Aeste schützend über den zerfallenden Knhstall breitet und flickt an einem Röckchen des kleinen Peter so eifrig, daß sie sich nicht einmal das Aufschauen gönnt. „Bist du's schon wieder, Vater?" Aber dann sieht sie doch rasch in die Höhe, und das Röckchen fällt ihr aus