36 Trotzdem ist sie heute, wo sie, ganz abgesehen vom Inhalte, etwa zwölfmal mehr bietet als vor fünfzig Jahren, doch schwerlich theurer als damals. Zu jener Zeit, wo die Konkurrenz noch in den Windeln lag, lohnte sich das Zeitungs ­ geschäft eben anders als heutzutage, da man für wenige Pfennige monatlich ein umfangreiches Blatt in's Haus gebracht erhält. Was ich aber im Allgemeinen von dem dürftigen Inhalte der „Jntelligenzblätter" sagte, trifft auch auf dasjenige Hersfelds zu. Der unterhaltende Theil herrscht vor und ist sogar verhältnißmäßig ziemlich reichhaltig. Fast in jeder Nummer findet sich ein Gedicht, ferner Auffätze gemeinnützigen Inhalts (betr. Haus ­ und Landwirthschaft), geschichtliche Abhandlungen, Recepte, Anekdoten, Miscellen und Räthsel. Die Gedichte sind theils heiterer, theils ernster Gattung; wo sie von Religion und Moral reden, da sind sie ganz im rationalistischen Geschmacke der Zeit gehalten. Die eigentliche Lyrik entspricht der damals üblichen Taschenbuch ­ poesie, für die wir theilweise kaum noch ein Verständ ­ niß haben. Ein „Frauenlob" betiteltes Gedicht, das sich durch schwungvolle Sprache auszeichnet, be ­ ginnt mit den folgenden hübschen Strophen: „Was ist süßer, als der Wein? Lieblicher als Beilchendüfte? Freundlicher als Sternenschein? Schimmernder als Frühlingslüfte? Holder, als die Rose blüht? Sing' es, sing' es, frohes Lied! Frauenlieb' ist goldner Wein, Frühlingsglanz dem trüben Leben, Frauenlieb' ist Sternenschein, Ist der Blume Duft und Weben; Von der heil'gen Gluth durchglüht Sing' es, sing' es, frohes Lied!" Außerdem fand ich noch bemerkenswerth ein Gedicht in niederhessischer Mundart, das an ­ geblich aus dem Jahre 1730 stammt. Es ist überschrieben: „Aller Reddelichen Hessen-Kenger herzeliche Freude" und soll zur Begrüßung des Landgrafen Friedrich's I., zugleich Königs von' Schweden, als derselbe im Sommer genannten Jahres sein Stammland besuchte, verfaßt worden sein. Eine Verpflichtung, das Publikum mit den neuesten Ereignissen bekannt zu machen, fühlte das Hersfelder Jntelligenzblatt in jener Zeit nicht. Es überließ die Sorge dafür den politischen Zeitungen, wie dem „Frankfurter Journal", der „Hanauer Zeitung" und dem in Kassel heraus ­ kommenden vielgelesenen „Verfassungsfreund". So finden wir denn auch trotz der bewegten Zeit nur spärliche Ansätze zu politischen Kundgebungen, z. B. ein Lied, gesungen bei der Anwesenheit der Deputirten sämmtlicher Bürgergarden Kur ­ hessens zu Kassel. Bekanntlich wurde von allen liberalen Elementen die Volksbewaffnung ge ­ fordert , insbesondere auch im Hinblicke auf die Vorkommnisse vom 7. Dezember 1831 (die sog. Garde-du-Korps-Nacht). Von diesen und ähn ­ lichen aufregenden und wichtigen Ereignissen nimmt indeß das Jntelligenzblatt keinerlei Notiz, so daß wir, ständen uns nicht andere Quellen zu Gebote, über Meinungen und Thaten der guten Hersfelder zu jener Zeit vollkommen im Dunkeln wären. Ein für das kleine Fulda ­ städtchen außerordentliches Vorkommniß war z. B. der Durchzug der polnischen Offiziere und Soldaten, welche nach dem unglücklichen Aus ­ gange des Aufstandes auf preußisches Gebiet übergetreten waren und durch Deutschland dann nach Frankreich sich wandten. Die Hersfelder Bürgerschaft hat damals Großartiges in Gast ­ freundschaft geleistet; man riß sich förmlich um die hungernden Ankömmlinge und wer keine Einquartierung bekam,' machte ein trauriges Gesicht. Niemand nahm Zahlung von den Fremden, obwohl die preußische wie die hessische Regierung ihnen ein kleines Taggeld auszahlen ließ. Gegen tausend Offiziere und einige hundert Soldaten wurden so in Hersfeld gespeist, getränkt, mit Geld versehen und schließlich in Wagen nach Niederaula befördert, dessen wackere Bürger die Ankömmlinge mit gleicher Freundlichkeit empfingen. Doch ich erzähle da Dinge, die streng genommen nicht hierher gehören; denn von Alledem steht. in unserm Jntelligenzblatt kein Sterbenswörtchen. Vielleicht hielt der Redakteur es für überflüssig, Ereignisse, welchen der Leser selbst beiwohnen konnte (der aus ­ wärtigen Abonnenten mögen nur wenige gewesen sein) , noch besonders zu behandeln. Nur im Anzeigentheil ist einmal des Polendurchzuges Erwähnung gethan: es war nämlich am 27. Januar, als gerade polnische Offiziere auf dem Rathhause erwartet wurden, einem ungenannten Jemand ein aschgrauer Tuchmantel, mit langhaarigem schwarzem Pelz besetzt, abhanden gekommen, was oem Publikum geziemend zur Kenntniß gebracht wurde! Einen wirklichen politischen Artikel, nahezu den einzigen seiner Art , finden wir in der Nummer vom IS. September; er ist von einem Hersfelder „Bürgerfreund" abgefaßt und be ­ handelt die damals bevorstehenden Landtagswahlen. Doch auch die städtischen Angelegenheiten werden im redaktionellen Theile ungemein stief ­ mütterlich behandelt. Nur wenige Aufsätze be ­ schäftigen sich mit ihnen; einmal wird an erster