25 „Als Knecht? Das wäre schade für Sie, Mai. Ich will Ihnen etwas Besseres vorschlagen. Mein Vetter, Rittergutsbesitzer von Wild in Roten ­ burg sucht zum 15. Oktober einen Kutscher, und wenn ich Sie ihm empfehle, bekommen Sie die Stelle. Ich kann Ihnen nur rathen zuzugreifen, der Gehalt ist gut und der Dienst bei meinem Vetter für einen braven Menschen angenehm. Haben Sie Lust dazu?" Konrads Augen strahlen. „Ich danke Ihnen vielmals, Herr Rittmeister! Ich möchte nichts Besseres haben. Sind schöne Pferde dort?" Der Rittmeister lächelt. „Sehr schöne. Sie werden Ihre Freude daran haben, Mai. Und also abgemacht. Heute Nachmittag werde ich an Herrn von Wild schreiben, Er kommt wahr ­ scheinlich in den nächsten Tagen selbst hierher. Halten Sie sich also immer bereit." Er wendet sich zu seinem Schreibtisch zurück und kramt in allerlei Papieren. „Haben Sie schon einmal ein Loos gehabt, Mai?" „Nein, Herr Rittmeister." „So nehmen Sie sich einmal eins von diesen, die mir eben aufgehängt worden sind. Vielleicht gewinnen Sie sich ein feines Reitpferd." Er hält dem überraschten Konrad etwa secks Loose von einer Pferdelotterie entgegen. „Ziehen Sie selbst, dann bringt es mehr Glück!" Konrad zögert verlegen und wird roth. „Herr Rittmeister, ich habe —" „Dummes Zeug, ich will es Ihnen ja schenken!" Konrad zieht. „Nummer dreizehn!" sagt der Rittmeister, einen Blick auf das Blatt werfend, „das ist ja bös, aber nun müssen Sie das Loos behalten. Heben Sie es gut auf, in viör Wochen ist die Ziehung.^ Und nun guten Morgen, Mai!" „Ich danke Ihnen noch vielmals für alles, Herr Rittmeister!" Konrad geht zur Thüre. Aber wie er die Hand auf den Drücker legt, ruft ihn der Ritt ­ meister noch einmal an. „Noch eins, Mai! Dem jetzigen Kutscher in Rotenburg ist gekündigt worden, weil er den Mädchen die Köpfe verdreht hat. Herrn von Wild würde es deshalb nicht unlieb sein, wenn der neue sich verheirathete. Haben Sie schon eine Braut oder so etwas?" Dem Burschen ist ist die Kehle wie zugeschnürt. „Ich hatte — ich habe —" stammelte er endlich in einer Verwirrung, die dem Rittmeister nicht entgehen kann. „Nun, wenn die Sache noch nicht im Reinen ist, so kommt sie ja vielleicht jetzt in Ordnung," sagt er deshalb gütig, „nur sorgen Sie sich für eine recht brave, fleißige Frau. Adieu für heute!" Und Konrad geht wie im Traume nach der Kaserne zurück. Er möchte jauchzen vor Freude, aber auf dem Herzen liegt es ihm wie ein Stein. „Wenn mich nur die Martlis noch mag! Wenn ihr nur das Bärbchen nichts von der Lene er ­ zählt hat!" Das sind die Gedanken, die ihm unablässig die glänzende Aussicht in die Zukunft trüben und ihm wird erst leichter zu Muthe als er ausgerechnet hat, daß es ja nur noch 13 Tage bis zu deni Sonntage sind, an welchem er Martlis und seine Mutter wiedersehen kann. Dreizehn Tage! Das Loos seines gütigen Vor ­ gesetzten fällt ihm ein. Er will es Martlis schenken, dann bringt die Unglückszahl ihnen beiden vielleicht Glück. (Schluß folgt.) Die Stiftskirche in Hersfeiv. 8ic transit gloria mundi. Jüngst zogen wir, von milder Luft umflossen, Darin der Herbst die Silberfäden spann, Von Sonnenschein, von Waldesduft umgossen, Mein Freund und ich das Fuldathal hinan; Wir schritten heitern Sinnes, unverdrossen Am Flusse hin, der uns entgegen rann, Und freuten uns der Flur und grünen Wiesen, Auf die wir froh die Blicke schweifen ließen. Wir nahten Hersfeld, dem ersehnten Ziele; Es blinkte durch der^lichten Bäume Grün. Da sahen wir in schönstem Farbenspiele Den alten Münster in der Sonne glüh'n. Auf Quadersteinen im roman'schen Stile Erhob der Riesenbau sich stolz und kühn; Es ragten hoch empor die nackten Hallen Vor unser'm Blick, verwittert und verfallen. Wo einst der Abt regiert des Orden's Glieder, Dem Volk gebot mit seinem Hirtenstab; Zu Orgelklang ertönten fromme Lieder Und Mönche knieten an Wigbertus Grab — Da wuchert Gras jetzt, Schlinggewächse, Flieder, Da schreit die Eule nachts vom Thurm herab; Von Wallern leer ist lange schon die Stätte, Als wenn im Zorn sie Gott gerichtet hätte. Wir schauten an in stillem Kunstgenusse, ! Den alten Bau, gegliedert schön und rein,