24 Nummer Hreizehn. Eine Dorfgeschichte aus Niederhessen, dem Leben nacherzählt von A. Weröenmüller. (Fortsetzung., III. In der Stadt ist es am selben Abend un ­ gewöhnlich lebhaft. Das kommt daher, daß die Soldaten in der Nacht vorher aus dem Manöver zurückgekehrt sind und nun überall an Straßen ­ ecken und Thorfahrten mit ihren Mädchen zu ­ sammen stehen. Auch der Konrad Mai geht dem großen Hause zu, in dessen erstem Stock ­ werk sein sogenannter Schatz, die Lene, dient. Er ist ein schlanker Bursch mit einem auffallend hübschen Gesicht, und die Husarenuniform steht so gut zu ,feinen lustigen blauen Augen und dem braunen Krauskopf, daß sich schon andere Leute als Dienstmädchen nach ihm umgedreht haben. Jetzt sieht er ein wenig zerstreut aus. Sein Rittmeister hat ihn für den anderen Tag zu sich bescheiden lassen, und da er sich gar nicht denken kann, was der mit ihm zu sprechen hat, so ist ihm die Erwartung peinlich. Und dann hat er noch etwas anderes Unangenehmes vor sich: er will sich von der Lene für immer ver ­ abschieden. Schmerz bereitet ihm diese Absicht nicht, aber es ist doch leicht möglich, daß die Lene seine guten Gründe nicht gleich einsieht. Langsam steigt er die Treppe hinauf und ist so mit sich beschäftigt, daß er das Dienstmädchen, welches ihm auf dem ersten Absatz begegnet, erst erkennt, als es schon vorbeigelaufen ist. „War das nicht das Bärbchen?" murmelt er für sich. „Dient das jetzt etwa auch hier im Haufe?" Dann zieht er rasch entschlossen die Schelle. Es dauert lange, bis ihm geöffnet wird. Als end ­ lich Schritte von der Küche her kommen, sind es nicht die flinken der Lene, sondern schwere, dröhnende. Ein ältlicher Mann in der Uniform eines Eisenbahnschaffners macht auf und be ­ trachtet ihn erstaunt: „Sie wünschen?" „Ist die Lene nicht da?" „Sie holt eben Bier im Keller. Soll sie etwas?" Konrad reizt die Frage zum Lachen. „Nein, ich wollte ihr blos —" da kommt sie auch schon mit zwei Flaschen die Treppe heraufgestürzt. „Ach, Sie finds, Herr Mai? Glücklich wieder aus dem Manöver zurück? Ein Bekannter aus meinem Ort, Karl! — Da nimm die Flaschen mit in die Küche, ich muß hurtig Herrn Mai etwas von zu Hause erzählen, gleich bin ich wieder oben." Wie ein Wasserfall kommt es von den Lippen des gewandten Mädchens, und ehe sich's Konrad versieht, steht er wieder unten in der düstern Thorfahrt, und Lene erzählt ihm athemlos, daß der Karl Schneider ein Wittwer, aber ein sehr ordentlicher Mann sei, und daß sie im Januar Hochzeit mit ihm halten würde. „Siehst Du. ich bin schon vierundzwanzig, da kann ich doch nicht mehr gut warten," schließt sie offenherzig, „und bei einem Schaffner ist ein fester Gehalt und nach ­ her eine kleine Pension, ich wäre ja unsinnig gewesen, wenn ich nicht zugegriffen hätte. Nimmst Du mirs sehr übel?" „Nein, im Gegentheil!" fährt es dem Konrad heraus, und so erleichtert athmet er dabei auf, daß die Lene ihn doch etwas verwundert ansieht. Und weil sie bei der Gelegenheit bemerkt, daß der Konrad viel hübscher als ihr Karl ist, sagt sie ein wenig gereizt: „Du tanztest doch immer am liebsten mit mir!" Konrad nickt. „Ja, das that ich. Aber Tanzen und Heirathen ist zweierlei. Deshalb mach Dir um mich keine Sorgen, meine Dienstzeit ist ja ohnehin jetzt vorbei." „Ah und da kommt Dir Dein altes Heubacher Schätzchen wieder in den Sinn? Na, mir solls recht sein,. Wenns Dich noch mag, wer weiß aber, ob ihm das Warten auf Dich nicht auch zu langweilig geworden ist." Lachend springt sie die Treppe hinauf und während der Husar leise pfeifend zur Kaserne zurückkehrt, berichtet sie ihrem Bräutigam, sie habe dem Mai einen Gruß an seinen Schatz, einem Mädchen aus ihrem Dorf, auszurichten gehabt, mit welcher Erklärung, begleitet von einem ansehnlichen Wurstenbrot, der Arglose sich zufrieden giebt. — Am anderen Morgen steht Konrad vor seinem Rittmeister in dessen reichausgestattetem Arbeits ­ zimmer und fühlt sich freundlich angemuthet von dem wohlwollenden Ton, in dem der ernsthafte Herr seine Zufriedenheit mit seinem Verhalten während der dreijährigen Dienstzeit ausspricht. „Sie haben ein anstelliges, manierliches Wesen, Mai, und wissen gut mit Pferden umzugehen, was gedenken Sie jetzt zu thun, wenn Sie, wie ich höre, durchaus nicht weiter dienen wollen? Sind Sie zu Hause nöthig?" „Nein, Herr Rittmeister, aber ich dachte, Herr von Heiden, bei dem ich früher als Knecht war, nähme mich vielleicht wieder."